Thomas Huber

Mein Bruder (1)






Mein Bruder und ich hatten uns schon längere Zeit aus den Augen verloren, als er eines Tages aufgeregt in meiner Kanzlei anrief. Ich bin Anwalt in einer Gemeinschaftspraxis. Mit meinem Beruf bin ich zufrieden. Aufregungen halten sich in Grenzen. Mein Leben verläuft normal. Mein Bruder ist anders als ich, ein schwieriger Mensch, ein widersprüchlicher Charakter, der sich oft in Schwierigkeiten bringt. Seine Berufswahl hat sein Leben nicht vereinfacht. Er ist Künstler, Maler. Kunstmaler um genau zu sein. Ich hatte ihm immer gesagt, das er sich mit diesem Beruf das Leben nicht einfacher, nein das er sich sein Leben damit schwerer macht. Ich hatte ihm gesagt, dass er mit der Berufswahl sein schwieriges Leben mit der Schwierigkeit des Berufes verstärkt, ja verdoppelt.

Und ich hatte recht. Mein Bruder ist ein aufgeregter, ein ruheloser und letztlich unglücklicher Mensch geworden. Darum erstaunte es mich nicht, als man mir den Anruf meines Bruders ausrichtete und meine Sekretärin mit besorgtem Gesicht hinzufügte, mein Bruder wäre am Telefon äusserst erregt, ja aufgeregt gewesen. Mein Bruder bitte um schnellsten Rückruf, sagte meine Sekretärin, er wäre in Schwierigkeiten, sagte meine Sekretärin, das hätte er zu ihr am Telefon gesagt. Mein Bruder ist immer in Schwierigkeiten, sagte ich zu meiner Sekretärin, und darum ist er immer aufgeregt, das liegt an seinem schwierigen Charakter und seinem schwierigen Beruf. Als Künstler kann man nur in Schwierigkeiten kommen, zumal mit dem selbstquälerischen Charakter meines Bruders. Er mache sich, sagte ich zu meiner Sekretärin, das Leben selber schwer, mit seinen Selbstzweifeln mache er sich das Leben schwer, seiner Skepsis und seiner Ungeduld sich selber gegenüber. Schon als Kind wäre er ein ungeduldiger, ein mit sich ungeduldiger Mensch gewesen, weil er nie mit sich hätte zufrieden sein können, sich immer auf das Erbittertste selbst kritisiert hätte, sich mit Selbstvorwürfen gequält hätte. Ich habe mir, sagte ich zu meiner Sekretärin, damals bei seiner Berufswahl grosse Sorgen gemacht, weil ich wusste, dass mein Bruder mit diesem Beruf nie wird glücklich werden können, dass es ihn zu sehr aufregen wird und seine Zweifel vor allem an sich selber nur verstärken wird. Ich sagte dieses zu meiner Sekretärin, um sie zu beruhigen und ihr auch auseinanderzusetzen, dass die Aufgeregtheit meines Bruders am Telefon nichts besonderes wäre, sondern dass das Aufgeregte sein Charakter wäre.

Sie solle sich nicht beunruhigen, sagte ich zu meiner Sekretärin, ich würde meinen Bruder gleich zurückrufen. Die Schwierigkeiten wären, wie immer, bestimmt zum grossen Teil eingebildet, in der Einbildung übertrieben. Mein Bruder, sagte ich zu meiner Sekretärin, hat eine überbordende Phantasie. Diese starke Einbildungskraft ist bestimmt seine Stärke als Maler, aber leider auch seine Schwäche im alltäglichen Leben, denn er bildet sich oft Dinge ein, die näher besehen nicht den Tatsachen entsprechen, sondern nur seiner Vorstellung entspringen, an die er letztlich fatalerweise mehr glaubt als an eine nüchterne Beurteilung der gegebenen Lage. Man müsse, sagte ich zu meiner Sekretärin die aufgeregten Einbildungen meines Bruders mit Vorsicht geniessen, denn er könne als Mensch mit starker Einbildungskraft seine Bildphantasien oft nicht mehr ganz von der Realität unterscheiden. Ich habe, sagte ich zu meiner Sekretärin, meinen Bruder ganz von Anfang an vor dem Beruf des Künstlers gewarnt, ich habe ihn vor der Beschäftigung mit Bildern gewarnt, ja ich habe ihn vor dem Bild gewarnt, weil ich selber eine grosse und wie ich meine berechtigte Skepsis vor dem Bild habe. Man darf die Gefahren der Einbildungskraft nicht unterschätzen, weil man sich in den Bildern regelrecht verlieren kann. Dies hatte ich damals meinem Bruder gesagt, sagte ich zu meiner Sekretärin, aber mein Bruder hat auf meine Einwände nicht gehört.

Das lag sicher auch an seinem schwierigen und darum nicht einsichtigen Charakter, aber auch an dem Umstand, dass er von uns beiden Brüdern der ältere ist... Mein Bruder ist älter als ich, sagte ich zu meiner Sekretärin. Als der jüngere konnte ich ihm nicht viel sagen, obwohl ich immer der vernünftigere von uns beiden war. Das hat mein Bruder mir nie abgesprochen, dass ich mich an die Realitäten gehalten habe, darum war es nicht von ungefähr, dass ich Jurist geworden bin. Mich hätten, sagte ich zu meiner Sekretärin, immer schon die Gesetzmässigkeiten und darum die Gesetze interessiert, die klare und eindeutige Sprache der Gesetze hätte mich immer schon angezogen. Ich fände, dass sich unsere Sprache am deutlichsten in Gesetzen aussprechen würde, sagte ich zu meiner Sekretärin, in Gesetzen, wie gesagt und nicht in Literatur, wie man als Sprachinteressierter vielleicht vorschnell schliessen könnte.

Die Literatur, sagte ich, hat die Sprache, die Klarheit der Sprache an Bilder verschenkt. Sprache, genauer gesagt das Wort, ist für mich immer das Gegenteil von einem Bild gewesen. Sprache ist abstrakt, sagte ich, das Abstrakte, das Ungegenständliche schlechthin und damit das Gegenteil vom Bild mit seiner Rhetorik der Gegenständlichkeit, der Vergegenständlichung, der Nachahmung. Ein Bild stellt immer etwas dar, sagte ich zu meiner Sekretärin, wohingegen das Wort etwas benennt, aber völlig verschieden von dem benannten ist. Als Jurist, sagte ich, interessiere mich der Imperativ der Sprache, wie er in einem Gesetz zum Ausdruck käme. Mich interessiere nicht der Infinitiv der Sprache, der sich in der Konjugation allem anverwandeln könnte. Ich hätte etwas gegen das Nachahmende, das Ähnliche also gegen das Bildhafte, und es wäre immer mein Bestreben gewesen, die Sprache, das Wort vom Bild rein zu halten. Darum würde ich mich auch nicht für Literatur interessieren, sagte ich zu meiner Sekretärin und auch nicht für Philosophie und ganz besonders nicht für Ontologie, weil diese sich für den Infinitiv interessieren würden, das Sein.

Das Sein, also der Infinitiv wäre ein irrtümliches Verständnis der Sprache. Um aber so die Sprache zu erstehen, braucht man einen bescheideneren Charakter als mein Bruder, der sich immer dazu verstiegen hat, die Sprache nicht nur zu hören, sondern sie auch selber zu sprechen. Das Künstlerische ist diese Verstiegenheit die Sprache zu sprechen, wo sie meiner Meinung nach gehört werden sollte. Zwischen mir und meinem Bruder, sagte ich zu meiner Sekretärin, stünde die unterschiedliche Auffassung der Sprache, ob man die Sprache höre oder die Sprache spreche, ob die Sprache im Imperativ oder im Infinitiv zu begründen sei.

Meine Sekretärin zeigte aber, wie ich ihrer Ungeduld anmerkte, wenig Interesse an meinen Ausführungen über Imperativ und Infinitv als grundsätzliche Lebenshaltung und meinte nur etwas vorlaut, wie ich fand, wenn schon Imperativ, dann sollte ich jetzt meinen Bruder anrufen. Er wäre in Schwierigkeiten, das hätte sie im Gespräch mit ihm ganz deutlich gehört. Ich hätte überhaupt keine Lust, sagte ich zu meiner Sekretärin, mit meinem Bruder zu sprechen, ich hätte überhaupt keine Lust, mir seine hysterischen Einbildungen anzuhören und wenn ich ihn heute trotzdem sprechen würde, so nur wegen ihres weiblichen Fürsorgegesichtes, um sie zu beruhigen, würde ich mich bereit erklären mit ihm zu sprechen, sie solle bitte die Verbindung herstellen, ich würde das Gespräch, sagte ich zu meiner Sekretärin, in meinem Büro entgegennehmen.

Die Stimme meines Bruders war am Telefon tatsächlich sehr aufgeregt. Es tropft, sagte mein Bruder. Es tropft, ich kann das gar nicht verstehen, aber es tropft. Man hat mich angerufen, sagte mein Bruder, und mir gesagt, dass es tropft. Und ich bin hingefahren, bin sofort hingefahren und habe auch gesehen, dass es tropft. Also bei ihm, sagte mein Bruder, hätte es noch nicht getropft, aber jetzt tropfe es ohne Zweifel. Was tropft? fragte ich meinen Bruder, sage mir zuerst einmal, was tropft und beruhige Dich, rege Dich nicht auf und sage mir, was tropft. Das Bild tropft, sagte mein Bruder. Ich sage doch schon die ganze Zeit, dass das Bild tropft. Hörst Du mir denn nicht zu? Das Bild tropft und es tropft immer schneller, von Stunde zu Stunde tropft es schneller.

Ich verstehe nicht, sagte ich zu meinem Bruder am Telefon, erkläre Dich besser, ich kann nicht verstehen, was am Bild tropft. Wahrscheinlich, sagte ich zu meinem Bruder, ist es noch nass, oder Du hast zuviel Farbe draufgetan und es trocknet nicht und darum tropft es, aber, sagte ich zu meinem Bruder, eigentlich verstünde ich davon nichts, ich wäre schliesslich Jurist und nicht Maler. Mit maltechnischen Problemen würde ich mich nicht auskennen, er solle mich damit in Ruhe lassen.

Du verstehst mich nicht, sagte mein Bruder, so wie Du mich nie verstanden hast. Das Bild läuft aus. Das Bild tropft, es läuft aus. Ich habe das Meer gemalt und das Meer läuft aus. Ich habe ein Bild vom Meer gemalt und das Bild vom Meer, also das Meer läuft jetzt aus. Zuerst hat es nur getropft, aber mittlerweile fliesst es, es tropft nicht mehr, es fliesst. Das Meer fliesst aus meinem Bild aus. Eine Sauerei sei das, hätten sie gesagt, sagte mein Bruder, eine Riesensauerei. Der Ausstellungsmacher hätte von einer Riesensauerei gesprochen, sagte mein Bruder. Das Bild wäre aber trocken, hätte er dem Ausstellungsmacher gesagt, er hätte das Bild trocken in der Ausstellung abgeliefert. Es wäre aber nass, hätte der Ausstellungsmacher am Telefon geschrien, alles wäre nass, er müsse sofort kommen, eine Sauerei wäre das, eine Riesensauerei...

Das Meer - © Thomas Huber / VG Bildkunst
Das Meer - © Thomas Huber / VG Bildkunst


Und ich bin natürlich sofort hingefahren, sagte mein Bruder. Ich bin aus der Badewane, in die ich gerade gestiegen bin, herausgesprungen. Wegen meiner Depressionen habe ich mir ein Bad vorbereitet und bin ins Bad gestiegen, als der Anruf kam. Ich wollte mich im Bad beruhigen und habe den beunruhigenden Anruf im Bad bekommen. Ich lag im Bad und habe dem Ausstellungsmacher versichert, dass das Bild trocken war, als ich es in die Ausstellung gebracht habe. Und gleichzeitig hörte ich das Tropfen.

Hier tropft es, hat der Ausstellungsmacher durchs Telefon geschrien, sagte mein Bruder. Und natürlich hätte er zuerst gemeint, er höre das Tropfen seines Badewassers, aber er hätte dann deutlich ein Tropfen durchs Telefon vernommen. Und er wäre sofort aus der Wanne gesprungen, hätte sich angezogen und wäre in die Ausstellung gefahren. Das Wasser wäre ihm schon am Eingang der Ausstellung entgegengekommen. Der Ausstellungsmacher wäre händeringend, mit bereits nassen Hosenstössen in der nassen Ausstellung gestanden und hätte ihn angeschrien, es tropft. Er hätte, sagte mein Bruder, seinen Augen nicht getraut, aber vor seinem Bild, am Boden vor seinem Bild, hätte sich bereits eine riesige Wasserlache gebildet, in die hinein es vom darüber hängenden Bild in regelmässigen Abständen hineintropfte.

Das Meer läuft aus, habe er zum Ausstellungsmacher gesagt, kein Zweifel, das Meer läuft aus. Tun Sie etwas, hätte der Ausstellungsmacher geschrien, um Himmels Willen tun Sie etwas. Ich habe, sagte mein Bruder immer am Postulat des autonomen Kunstwerkes gezweifelt. Ich habe nie an die Abgeschlossenheit des Artefaktes geglaubt. Aber, dass meine Zweifel direkt so katastrophal bestätigt werden würden, habe ich natürlich nicht erwartet. Das sagte ich dem Ausstellungsmacher, sagte mein Bruder, worauf der Ausstellungsmacher nur geschrien hätte, so tun Sie doch etwas, um Himmels Willen tun Sie doch etwas, Sie müssen das Bild abdichten, hätte der Ausstellungsmacher gesagt, sagte mein Bruder.

Der Bildoberflächendruck sei zu gross geworden, genauer gesagt der Bildhinterflächendruck wäre zu gross geworden, denn das Wasser drücke ja von hinten auf die Bildfläche, darum wäre die Oberflächenspannung des Bildes zu gross geworden und hätte Risse bekommen. Er spanne seine Bilder immer sehr sorgfältig, hätte er dem Ausstellungsmacher versichert, Bilder bräuchten Spannung, seine Bilder wären immer sehr gespannt. Aber vielleicht hätte er es in diesem Falle mit der Spannung etwas übertrieben, hätte er zum Ausstellungsmacher gesagt, sagte mein Bruder. Dichten, dichten, hätte der völlig aufgelöste Ausstellungsmacher gerufen.

Derweil hätten rundherum die Ausstellungsaufsichtsbeamten damit begonnen, die anderen Kunstwerke in Sicherheit zu bringen. Es läge an der vorderen Bildseite, hätte er dem Ausstellungsmacher versucht zu erklären, sagte mein Bruder. Ein Bild zeichnet sich durch Tiefe aus, hätte er erklärt. Die Bildtiefe. Die Bildtiefe eröffnet den Bildraum. Den in der Bildtiefe eröffneten Bildraum könne man zu allen Seiten plausibel definieren, bis auf die vordere Seite, die Seite also, die das Bild, also den Bildraum nach vorne abschliesst.

Die Bildseite des Bildraumes, die sichtbare Seite des Bildes ist die Schwachstelle des Bildes. Die vordere, sichtbare Bildseite sei ein Unsicherheitsfaktor des Bildes. Die Sichtbarkeit des Bildes wäre ein kritischer Punkt, hätte er dem Ausstellungsmacher gesagt, sagte mein Bruder. So, wie er nie der Autonomie des Kunstwerkes getraut hätte, hätte er auch nie der Sichtbarkeit des Bildes getraut.

Und das hätte sich jetzt ja bestätigt, die Sichtbarkeit wäre die undichte Stelle seines Bildes, die Schwachstelle. Hier würde das Bild jetzt auslaufen. Dichten, dichten hätte der entnervte und nasse Ausstellungsmacher gerufen. Das Entscheidende bei einem Bild wäre die Bildauffassung, hätte er zum Ausstellungsmacher gesagt, sagte mein Bruder. Die Bildauffassung als Bildvorstellung wäre das Entscheidende. Er hätte schon immer die Bildtiefe mit der Tiefe des Wassers verglichen, er hätte sich die Bildtiefe als Wassertiefe vorgestellt. Er hätte das Bild, das Medium Bild im Medium Wasser wiedererkannt. Auf die Oberfläche eines Bildes zu schauen, habe er immer schon mit dem Blick auf die Oberfläche des Wassers verglichen. Man schaue durch die Oberfläche des Bildes in eine andere Welt, so wie man durch die Wasseroberfläche in ganz andere Reiche blicken könne.

Daraus hätte er geschlossen, hätte er dem Ausstellungsmacher gesagt, dass die Bildessenz wässrig ist, sagte mein Bruder. Bilder sind wie das Wasser, hätte er gesagt. Ich habe meine Erkenntnis zuerst ganz bescheiden umgesetzt, hätte er gesagt. Schüsseln habe ich gemalt, Schalen mit Wasser gefüllt, sehr gelungene, wenn auch bescheidene Bilder, in denen aber deutlich wurde, dass die Bildtiefe analog zur Wassertiefe verstanden werden kann, hätte er gesagt, sagte mein Bruder. Mit diesen Bildern wäre deutlich geworden, dass wesentliche Bilder Wasserbilder seien. Das Wesen der Bilder könne man erst in Wasserbildern erkennen. Und man dürfe, hätte er zum Ausstellungsmacher gesagt, sagte mein Bruder, natürlich den reinigenden Aspekt des Wassers nicht vergessen. Das Wasser hätte immer im Zusammenhang mit dem Reinen, dem Sauberen und schliesslich dem immer wieder Neuen gestanden.

Lappen, Lappen, hätte der Ausstellungsmacher nur geschrien und damit begonnen, mit dem Ausstellungsaufsichtspersonal das Wasser mit den herbeigeschafften Lappen aufzufangen. Darum wäre die Betrachtung des Bildes, hätte er dem wischenden Ausstellungsmacher erklärt, mit einem Bad zu vergleichen, die Betrachtung des Bildes wäre das Eintauchen ins ewige Wasser, die Bildbetrachtung wäre eine Reinigungshandlung, hätte er zum wischenden Ausstellungsmacher gesagt, eine Fortsetzung des ewigen Wunsches nach dem Jungbrunnen...

>> Fortsetzung: Mein Bruder (2)



drucken / print / imprimer drucken / print / imprimer
zurück / back / retour zurück / back / retour
Startseite / Home