Einfach ist scheinbar die Erwartung an das Kunstwerk. Es soll Ausdruck sein. Es holt seinen Anlaß in sich hinein und soll ihn durch sich veräußern, denn ein Kunstwerk soll sagen, es soll scheinen. Es soll sich in der Gegenwart desjenigen vollenden, wofür es begonnen wurde. Das Werk ist keine Beschreibung des Angelegenen, sondern dessen Einlösung. Das Werk schafft Gegenwart.
Demgegenüber steht das alltägliche Gerede, das betriebsame Verlautbaren, das sprachliche Verhandeln von purem Interesse, das im begründeten Verdacht steht, nichts mehr zu sagen, sondern sich ganz an die Weise des Hersagens, an die Manier - wie das Gesagte am rauschendsten klingt - vergeben zu haben. Von diesem Gerede, von der Geschäftigkeit der Verlautbarungen, erwartet keiner mehr das Sagen, das ihn in Wahrheit anrühren könnte. Nur sagt dieses Sagen auch so wenig das Unwahre. Das Gerede zeugt nicht für Wahrheit, noch will es durch Lüge täuschen. Es dient allein der Verführung durch das Nichtige. Es ist allgegenwärtig im Nichtssagen.
Hier aber ist vom Ausdruck des Kunstwerkes die Rede. Von ihm wird besterdings angenommen, daß es ein Ort sei, in dem die Wirklichkeit des Gesagten verwahrt wird. Diese Wirklichkeit ist dem Werk allein in seinen Mitteln versprochen. Das Werk sagt sich im Wort. Das Werk zeigt sich in der Farbe. Der Ort, den das Werk auftut, bietet sich dem Vertrauen in die versprochenen Mittel an. Im Werk wird darum zum Beispiel die Farbe vertrauensvoll zugelassen. Die Farbe Rot ist nur im Werk rot. Nirgendwo sonst rötet Rot wie im Werk.
Dergestalt unmittelbar soll der Ausdruck sein, damit er mitteilbar wird. Das Authentische ist die Voraussetzung zu einer geglückten Mitteilung. Der Sinn des Kunstwerkes ist die Weitergabe. Das ist die Tradition. Wir verstehen heute Tradition als die Vermittlung von Sitten und Gebräuchen und vermissen an ihr das Authentische. Vielmehr mißtrauen wir ihr als der Hüterin des Status quo.
Der Blick auf die sogenannten Primitivkulturen und deren Traditionsauffassung soll hier diesen Begriff einer grundlegenderen Verständnisweise öffnen. Dort ist der Schamane der Hüter, der Verwahrer der Zeichen, der Sprache seiner Gesellschaft. An ihm ist es, die ihm anvertraute Sprache im Kult zu realisieren. Die zyklische Wiedergewinnung der Sprache in der kultischen Handlung dient der stets gefährdeten Fruchtbarkeit dieser Gesellschaft. Die Fähigkeit zur Fortpflanzung, die Gewißheit, aus dem Vergehenden herauszuwachsen, die Notwendigkeit in Analogie zur umgebenden Natur zu leben, zu sterben und wiederzuerstehen, ist der Inbegriff dieses Traditionsverständnisses. Tradition als Gewähr des Fortbestandes setzt die Potenz voraus. Diese ist nicht dem einzelnen gegeben, sondern wird in der beispielgebenden Kraft des Schamanen verwahrt. Er ist der Eros. Er weckt die Potenz, die es den Geschlechtern ermöglicht zu zeugen und die gezeugten Kinder großzuziehen.

Studio I - © Thomas Huber / VG Bildkunst
Die Krise der Schamanen ist die Abwesenheit des Eros. Seine schöpferische Krise ist ein Fanal für die Gesellschaft. Er allein kann den Zeichen den Sinn stiften, das jeweils andere Geschlecht daran zu erkennen und zu begehren. Seine Sprache ist sinnvoll, sein Verstummen ist sinnlos. Dieses Bild beschreibt eine kaum noch praktizierte Realität. In der Beschreibung aber und in der Wahl der Worte für diese Beschreibung erreicht uns die Ahnung der eigenen Bestimmung. Das Bild des erostragenden Schamanen deutet auf die überlassene Grundbestimmung des Künstlerischen in der abendländischen Kultur: Das Künstlerische ist das Erotische.
Nach dieser Andeutung fragt sich die Frage nach dem Gehalt unseres Sprechens anders. Denn in Frage steht die Zeichenmächtigkeit unseres Zeugnisses. Gelungenes Sprechen verschenkt sich an das sinnlich Wahrnehmbare. Das ist der Anspruch an das Kunstwerk. Seine Sprachmächtigkeit wird im Eros verbürgt. Mitteilung ist erotisch. Tradition ist eine Frage der Potenz. Heute hat sich das Erotische auf das Geschlechtliche reduziert. Es gibt kaum noch den Unterschied zwischen Eros und Sexualität. Es gibt keine erotische Sicht mehr auf das Weitganze. Die Welt wird heute unerotisch angesehen.

Geburt Josef - © Thomas Huber / VG Bildkunst
An einem scheinbaren Detail unseres Empfindens kann das deutlich gemacht werden. Das Kind, aus der Vereinigung der Geschlechter hervorgegangen, wird sinnlich anders besetzt, als der sexuell begehrte Körper, der es erzeugte. Zwischen Kind und Geschlechtsakt steht die zum Drama, zum Krankheitsfall stilisierte Geburt. Vereinigung, Geburt und Kind sind keine in sich geschlossene Erfahrung. Die Liebe, die sich dem anderen Geschlecht vergibt, soll eine ganz andere Liebe sein, als jene, die man dem Kind schenkt. Zeichen einer ungeteilten Sinnlichkeit kann man beispielsweise in einer indianischen Holzskulptur erkennen, die eine stillende Mutter beim Geschlechtsakt mit ihrem Partner zeigt.
Dagegen stehen die sich alle Sexualität verbietenden Abbildungen von stillenden Müttern in heutigen Ratgebern für Kindererziehung. Die Teilung der Sinnlichkeit in wildes Begehren und die Reinheit der Mütterlichkeit ist ein Vorgriff auf die Kinderfeindlichkeit. Früher war noch die schwangere Frau eine Obszönität. Heute sind es die stillbedürftigen Kinder, für die man gleich nach der Geburt Pflegemittel aufgedrängt bekommt, um sie reinzuwaschen. Der Unschuld des Kindergesichts entspricht die ursächliche Schuld seines In-der-Welt-Seins. Die bald darauf folgende Vernachlässigung des Kindes, zu der die Gesellschaft die Eltern nach einer gesetzlichen Schonfrist zwingt, die Wohnsituation, der Straßenverkehr, die Arbeitszeiten, sind unausweichliche Vorformen der Kindesmißhandlung. Sie alle sind eine Form des Widerrufs der Zeugungskraft.
Wie oft verdammt man unter dem Druck gesellschaftlicher Bedingungen das eigene Kinderhaben, wenn man wehr- und hilflos der frostigen Freundlichkeit von kindstötenden Blicken ausgesetzt war. Wie oft soll man in die widerlich angebotene Kumpanei einschlagen, daß Selbstverwirklichung nur ohne Kinder möglich ist. Auf der Welt ruht ein unerotischer verkniffener Blick, der Kinder auch noch außerhalb des Mutterleibes abtreiben möchte. Dieser selbstsüchtige Blick ist eine Aufforderung zur sexuellen Selbstverstümmelung, der mit solcher Kraft unseren Geist verbiegt, daß wir ohne Zweifel zu gegebener Zeit ein Ferment in unserem Körper produzieren werden, das uns in entlastender Weise unfruchtbar werden läßt.
Es wird der Sieg dieses geilen unerotischen Blickes sein, der sich in subtilster und krassester Form schon an den Kindern vergangen hat. Dann wäre jene überall angestrebte gesellschaftliche Impotenz erreicht, jenes böse, geglättete Gesicht würde über alles Schöpferische triumphieren. Jenes Gesicht, das uns durch die Frontscheiben der Limousinen anschaut. Es wäre das Gegenteil zur Liebesfülle, einer zum tiefen Ausdruck fähigen Kultur.
Ein bekanntes Vorurteil sieht den männlichen Maler vor dem nackten weiblichen Modell. Es wäre voreilig, in diesem Bild grundsätzlich die oben konstatierte Trennung der Sinnlichkeit zu erkennen. In vielen glücklichen Beispielen ist dieses Bild die Metapher für den erotischen Blick auf das Weltganze geworden. Gerade an diesen Bildern zeigt sich die erotisch durchstimmte Haltung einer gesamtschauenden Weltaneignung. Die dergestalt vom Eros getragene Sprache ist eine mit Inhalt erfüllte Sprache. Sie ist zum Zeugnis fähig. Sie ist zur uneingeschränkten Verantwortung fähig. Sie gebiert Wirklichkeit. Schließlich bedarf dieser Blick, die Werke zeigen es uns, nicht des nackten Körpers allein, um sich zu exemplifizieren. Er zeigt sich in einer verantwortungsvollen, weil zulassenden Weise des Schauens.
Hannah - © Thomas Huber / VG Bildkunst
Es ist in dieser Erörterung nicht außer acht zu lassen, daß das Künstlerische sein Selbstverständnis in der Identifikation mit seinen Vorgängern findet. Hierbei ist festzuhalten, daß die Kunstgeschichte nur männliche Vorbilder anbietet. Im Zusammenhang mit dem vielbesprochenen Umstand, daß die Künstlerin in der Geschichte kein Ebenbild finden kann, steht aber auch die Tatsache, daß der männliche Künstler in der Geschichte ohne Kinder dasteht. Er mag damals zwar Kinder gezeugt haben, aber sie stehen außerhalb des Bannkreises seines Werkes. Im Schatten steht dann die ehemalige Muse und hält als Mutter dem Künstler die Kinder vom Leibe. Lediglich nach dem Ableben des Künstlers treten sie als vielgeschmähte Nachlaßverwalter seines Werkes auf.
Der Umstoß solch eines künstlerischen, männlichen Selbstverständnisses, das zudem eine stummgewordene, weil lieblose Sprache spricht, könnte ein Zugewinn an Welterfahrung bedeuten. Ein solches Ereignis, ein bewundernswertes, künstlerisch grundlegend umgestimmtes Selbstverständnis, ist in Peter Handkes »Kindergeschichte« ins Werk gesetzt worden. Hier spricht eine neue Sprache. Der Roman ist der poetische Bericht über das Zusammenleben mit einem Kind. Beschrieben wird das Heranwachsen des eigenen Kindes, das der Autor als Alleinerziehender begleitet und beobachtet. Der Leser erfährt eine Erweiterung der Welt. Ein Zusammenhang, ein Weltganzes entsteht, das sich dem genannten erotischen, dem liebevollen, weil unvoreingenommenen Blick auf das Kind verdankt:
"Aber die Kinderschaft bedurfte offenkundig auch der beliebigen, ihnen begegnenden Fremden: Im Geschiebe der Boulevards, Supermärkte und Untergrundbahnen zeigten sich doch immer wieder als einzig Gewisse jene weit offen stehenden, kaum blinzelnden Augenpaare, die, auf halber Höhe der Erwachsenen, tatsächlich jeden einzelnen in einer noch so großen Menge wahrnahmen und dort einen Antwortblick suchten (wie auch der Passant sich darauf verlassen konnte, von ihnen im Vorübergehen hilfreich bemerkt zu werden). Es wurde ihm dann klar: 'die modernen Zeiten', die er so oft verwünscht und verworfen hatte, gab es nicht: auch die 'Endzeit' war nur ein Hirngespinst: mit jedem neuen Bewußtsein begannen die immer gleichen Möglichkeiten, und die Augen der Kinder im Gedränge - sieh sie dir an! - überlieferten den ewigen Geist. Wehe dir, der du diesen Blick versäumst." (Peter Handke: Kindergeschichte. Frankfurt/M., 1981)
Dieser in einem Werk manifest gewordene künstlerische Wendepunkt beleuchtet eine leise dahergekommene Veränderung in meinem eigenen künstlerischen Umfeld. Viele Künstler meiner Generation haben Kinder und üben sich in einer von ihren künstlerischen wie leiblichen Vätern nicht erlernten Verantwortung: Sie kümmern sich um ihre Kinder. Der Beruf des Künstlers ist nicht in die starren Arbeitszeiten verdingt. Der Künstler kann selbstbestimmt seinen Kindern die Zeit widmen, er kann sich dafür entscheiden, für die Kinder seine Arbeit zurückzustellen. Und er erkennt, daß die Kinder immer da sind. Ihre Anwesenheit ist der stets summende Geräuschpegel, wie auch die selige Stille, wenn sie eingeschlafen sind. Sie sind die kleinen Körper, die ihr unabdingbares Recht einfordern, stets im genau bemessenen Umraum des elterlichen Körpers sich aufhalten zu können. Kinder übergehen alle noch so überzeugend oder auch schroff dahergebrachten Formulierungen elterlicher Bedürfnisse und entlarven sie als in autoritäre Gesten verkleidete Selbstsucht.
Denn ihre Angewiesenheit auf Zuneigung setzt sich ins Recht. Manch scheinbar wahrhaftig verfaßte Sage von der Verlorenheit der Welt wird vor dem weinenden Kinderliebgesicht zur verschrobenen Attitüde. Das Kind will meine Zuneigung, und es weiß, der gütig anmutende Scheitel seiner Haare verrät es, daß wir ihm diese Liebe geben können. Die Seligkeit mit Kindern und deren ununterbrochene Einforderung von väterlicher und mütterlicher Anwesenheit stellt die Welt in einen verloren geglaubten Blick zurück und gibt der Sprache neue Zeichen für Glück und Ohnmacht.
© Thomas Huber / Erstveröffentlichung in: Thomas Huber, "Familienbildnisse", Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Darmstadt 1992