Thomas Huber

Die Kunsthochschule (2)






Der Kunsthochschulschmutz wäre eine Gefahr für die Seele, das hätte er immer gesagt, sagte er. Die hygienischen Verhältnisse, die seelenhygienischen Verhältnisse an einer Kunsthochschule seinen katastrophal, darauf habe er immer wieder hingewiesen, sagte er. Er hätte von Anfang an den Kampf, sofort den Kampf gegen den Kunsthochschulschmutz aufgenommen. Mit seiner Klarheitsvorstellung, mit seiner aus der Bildvorstellung abgeleiteten Reinheitsvorstellung, man könnte es ruhig eine Sauberkeitsvorstellung nennen, er hätte nichts dagegen, sagte er, also mit seiner Sauberkeitsvorstellung hätte er gegen den Kunsthochschulschmutz gekämpft und, sagte er, verloren. Mit seinem pädagogischen Konzept als Klarheitskonzept und schließlich Sauberkeitskonzept wäre er im Kunsthochschulschmutz untergegangen.

Und, sagte er, im Untergehen hätte sein pädagogisches Konzept sein Kunstkonzept mit sich gerissen. Es wären beide, sein Kunstkonzept und das aus dem Kunstkonzept hervorgegangene pädagogische Konzept, im Kunsthochschulschmutz untergegangen. Nichts hätte es genutzt, sagte er, daß er sein Klarheitskonzept mit einem Jahrhundertkonzept verteidigt hätte. Sein Reinheitskonzept, hätte er immer gesagt, wäre das Reinheitskonzept der Moderne. Seine Bildvorstellung als Reinheitsvorstellung sei die Vorstellung der Moderne. Der angestrebte, ausgeräumte, saubere, weißgetünchte Bildraum wäre die Bildkonzeption der Moderne. Die Sauberkeitskonzeption ist eine Moderne Konzeption, hätte er immer gesagt. Und seine von der Moderne übernommene Klarheitskonzeption wäre vom Kunsthochschulschmutz verunreinigt worden, dermaßen verschmutzt worden, daß er seine Bilder nicht mehr hätte wiedererkennen können. Seine Bildvorstellung wäre getrübt worden. Seine Bildkonzeption und die Konzeption der Moderne wären in den Dreck gezogen worden, sagte er. Er und die Moderne hätten den Kunsthochschulschmutz nicht überlebt.

Da seine Bilder durch den Kunsthochschulschmutz so unansehnlich geworden wären und kein Mittel geholfen hätte, sie wieder vorzeigbar zu machen, da seine Klarheitskonzeption als kühle Konzeption versagt hätte, hätte er es mit der heißen Konzeption versucht. Mit Feuer hätte er versucht, seinen vom Kunsthochschulschmutz vermüllten Bilder zu Leibe zu rücken. Ich habe meine Bilder heiß gemacht, sagte er. Ich wußte mir keinen anderen Rat mehr. Ich habe Feuer in die Bilder gelegt, sagte er, es lag am Kunsthochschulschmutz, aber es lag auch an der Einsicht, daß ich mit meiner kalten Konzeption als pädagogischer Konzeption gescheitert war. Darum habe ich meine Bilder heiß gemacht und damit käme er, sagte er, auf das Unglück zu sprechen.

Das Feuer, sagte er, wäre nicht im Bild geblieben, das Feuer wäre aus dem Bildraum ausgebrochen. Das Feuer brach aus dem Bildraum aus und griff auf die Kunsthochschule über, sagte er. Das Feuer blieb nicht im Bild, wo er es gut unter Kontrolle gehabt hätte, sagte er, sondern wäre aus dem Bild ausgebrochen und hätte sich in der Kunsthochschule rasend schnell ausgebreitet, weil er die Kontrolle darüber verloren hätte. Im Moment, wo das Feuer von seinen Bildern auf die Kunsthochschule übergegriffen hätte, hätte er die Kontrolle darüber verloren, sagte er. Die Kunsthochschule brannte daraufhin vollständig ab, sagte er.

Er hätte einen grundlegenden Fehler begangen, einen Gedankenfehler, sagte er, einen Konzeptionsfehler. Er habe seine Vorstellung des Bildraumes im Lehrgebäude seiner pädagogischen Vorstellung integriert. Er habe seine Bildräume ins pädagogische Lehrge-bäude hineingebaut, ja er habe Bildraum und Lehrgebäude regelrecht ineinander verschachtelt. Somit hätte das Feuer ganz leicht vom einen zum anderen überspringen können. So wie im ersten Fall der Kunsthochschulschmutz aus der Kunsthochschule sofort in seine Bilder eingedrungen sei, sei umgekehrt das Feuer sofort aus seinen Bildern auf die Kunsthochschule übergesprungen, zwei Katastrophen, sagte er, aus Unachtsamkeit seinerseits entstanden, man möchte fast sagen, ein architektonischer Konzeptionsfehler, eine sträfliche Nachlässigkeit einfachster Sicherheitsvorkehrungen, wofür er im Feuerfalle heute im Gefängnis sitze, im anderen Falle eigentlich die Kunsthochschule ins Gefängnis müßte.

Sie hätte ja immerhin ihn, ihn und die Moderne in den Dreck gezogen, sagte er, aber dafür komme man leider nicht ins Gefängnis. Er tröste sich hier aber mit der tieferen Einsicht, daß die Kunsthochschule schon lange im Gefängnis hocke, daß die Kunsthochschule nicht nur ein Gefängnis sei, sondern in ihrem eigenen Gefängnis sitze, sagte er. Er käme hier ja irgendwann mal wieder frei, die Kunsthochschule aber käme nie mehr frei, das sage er hier, sagte er. Wegen seines Denkfehlers, seines Konzeptionsfehlers, wie gesagt, hätte die Kunsthochschule gebrannt. Und er wäre natürlich in diesem Moment in großer Angst gewesen. Bei dem großen Feuer hätte er natürlich Angst um sein Leben gehabt, sagte er, aber er habe auch an die anderen gedacht. An die Kunsthochschulstudenten hätte er gedacht, und an seine Kunsthochschulkollegen, die Kunsthochschulprofessoren, hätte er gedacht. Und, sagte er, er wäre sofort durch die brennende Kunsthochschule gerannt und hätte nach Kunsthochschulstudenten und Kunsthochschulprofessoren gesucht, die durch das Feuer in Not gekommen sein könnten.

Er hätte gerufen und geschrien, sagte er und wäre durch die brennenden Gänge der Kunsthochschule gerannt und wäre in die brennenden Ateliers gerannt, ich bin, sagte er, durch die brennende Kunsthochschule gerannt und habe niemanden, keine Seele angetroffen. Die Kunsthochschule war leer. Es war kein Kunsthochschulprofessor und kein Kunsthochschulstudent in der Kunsthochschule. Die Kunsthochschule brannte an einem ganz gewöhnlichen Werktag und sie war leer. Vom Keller bis zum Dachstuhl brannte die Kunsthochschule und kein einziger Professor und kein einziger Student verbrannte, sagte er.

Denn, sagte er, Kunsthochschulen sind immer leer, notorisch leer. Es gibt zwar an Kunsthochschulen Kunstprofessoren und Kunststudenten, sie sind aber im entscheidenden Moment immer woanders, sagte er. Kunsthochschulen sind verlassene Orte. Wenn man eine Kunsthochschule besuche, würde man zwar erkennen, daß da einmal etwas passiert sei, aber daß dann, wenn man komme, gerade nichts passiere. Die Arbeit an einer Kunsthochschule wäre immer eine vergangene, sagte er. Früher wurde an der Kunsthochschule gearbeitet, das bestätigt jeder, den man fragt, sagte er, aber im Moment arbeitet gerade keiner, weil alle nur eben kurz weggegangen sind, oder krank sind, oder ein Seminar besuchen oder zuhause eine theoretische Arbeit schreiben oder eine Kunstkrise haben.

Das einzige, was immer an einer Kunsthochschule anzutreffen ist, sagte er, das habe er bereits gesagt, ist der Kunsthochschulschmutz. Der Kunsthochschulschmutz wäre die permanente nicht zu vertreibende Präsenz an einer Kunsthochschule. Und der Kunsthochschulschmutz hätte diese notorische Abwesenheit von Lehrkörper und Studenten in sich aufgenommen, ja regelrecht in sich aufgesogen, der Kunsthochschulschmutz dämmere in dieser notorischen Abwesenheit vor sich hin. Der Kunsthochschulschmutz, sagte er, ist die Substanz, ist die Essenz dieser ewigen und ewig schon ertragenen Abwesenheit in der Kunsthochschule.

Das einzige, sagte er, was an diesem unglückseligen Tag verbrannt wäre, wäre der Kunsthochschulschmutz gewesen. Er bedauere den Brand der Kunsthochschule, er hätte ihn sofort und von Anfang an bedauert. Ich bin mir meiner Schuld bewußt, sagte er. Meine Schuld ist ein Denkfehler. Ich bin aus einem Denkfehler in einen Konzeptionsfehler geraten. Ich hing dem vorwitzigen Gedanken nach, die Kunstkonzeption in eine pädagogische Konzeption ummünzen zu können. Ich glaubte, meine Bildkonzeption als Kunstkonzeption in eine pädagogische und schließlich auch in eine Hochschulkonzeption überführen zu können, sagte er. Im einen Fall sind meine Bilder davon zu Schanden gegangen, im anderen Fall hat die Kunsthochschule Schaden genommen.

Dieser sein Denkfehler, sein Konzeptionsfehler hätte nur Opfer zu beklagen und er hätte noch gar nicht über die an Zahl meisten Opfer gesprochen. Er hätte, sagte er, noch gar nicht von den Kunsthochschulstudenten gesprochen. Die Umwandlung, die sträfliche Umwandlung der Kunstkonzeption in eine Ausbildungskonzeption führe die Studenten wie blinde Hühner vor ein tiefes, großes, dunkles Loch. Und meistens nicht einmal dort, vor diesem Abgrund gingen ihnen die Augen auf, sondern dort am Ende ihres Studiums fielen sie besinnungslos in dieses Loch hinunter. Verblendet von den Versöhnlichkeitsgesten, getäuscht von den Bemühungen, die Kunstkonzeption in einer pädagogischen Konzeption zu versöhnen, ließe man die Kunststudenten in ihr Verderben rennen.

Das Verderben, sagte er, sei, daß man Ihnen ja mit der pädagogischen Konzeption, mit der Ausbildungskonzeption auch noch eine Berufskonzeption vorgegaukelt hätte. Dabei sei man aber nicht stehengeblieben und hätte dann gleich noch eine Erfolgskonzeption hinterhergeschoben. In der Kunsthochschule würde die Kunstkonzeption zur Ausbildungskonzeption gemacht und dann zu einer Berufskonzeption gemacht und dann zu einer Erfolgskonzeption gemacht und es fehle nicht viel und man ginge noch weiter und mache daraus eine Lebenskonzeption und eine Ehekonzeption und eine Kinderkonzeption.

Das Ganze aber wäre eine Todeskonzeption, denn diese Vermittlung der Kunstkonzeption in eine andere Konzeption ist der Tod der Kunstkonzeption. Die Kunstkonzeption, sagte er, ist unvermittelbar, sie ist unmittelbar. Die Kunstkonzeption ist nur in ihrer Unmittelbarkeit zu erfahren. Die Kunstkonzeption ist unversöhnlich. Die Kunstkonzeption ist gegenüber allen anderen Konzeptionen eine Zumutung. Die Kunstkonzeption als unversöhnliche Zumutung beharre auf ihrem unvermittelbaren Anderssein, weil sie einem grundsätzlich anderem verpflichtet sei, das in keiner anderen Kategorie als in ihrem eigenen Zeugnis zu Gericht gebracht werden könne.

Er könne nur immer wieder sagen, sagte er, daß die Kunstkonzeption eine Unvereinbarkeit sei und der ärgste Feind der Kunstkonzeption darum die Sinnfrage sei. Die Sinnfrage wäre seinetwegen eine religiöse Frage oder eine philosophische Frage oder eine gesellschaftliche Frage, aber die Sinnfrage wäre keine Kunstfrage. Die Kunstfrage unterscheide sich von den vielen anderen Fragen dadurch, daß sie keine Sinnfrage sei, sagte er. Die Sinnfrage, sagte er, prallt an der Kunstkonzeption ab. Andersherum bringt die Kunstfrage, wenn sie zu einer Sinnfrage gemacht wird, nur Katastrophen, da wäre die Feuersbrunst in der Kunsthochschule ein kleines Feuer gewesen, wenn er bedenke, welche furchtbaren Folgen einst eine Kunstkonzeption als politische Konzeption für die ganze Welt gehabt hätte, dies wäre ihm aber jetzt nur so rausgerutscht. Es reiche, sagte er, wenn man an einer Kunsthochschule damit aufhöre, die Kunstkonzeption in was auch immer für Konzeptionen umzumünzen.

Es gibt, sagte er, keinen Berufskünstler, keinen professionellen Künstler und es hat noch nie einen erfolgreichen Künstler gegeben, sondern es hat immer nur den unversöhnlichen, den unzumutbaren Künstler gegeben. Er könne mir gerne zu einer anderen Zeit auseinandersetzen, woher diese Unversöhnlichkeit käme, an dieser Stelle aber hätte es wohl ausgereicht, die diversen Unglücke zu rekapitulieren, die aus der Mißachtung dieser Unversöhnlichkeit resultiert wären.

Denn, sagte er, die Besuchszeit ist um. Er hätte weiß Gott genug geredet. Ich möge ihm das nachsehen, er hätte hier halt wenig Gelegenheit zu sprechen, er spräche aus Nachholbedarf. Sagte er. Diesen Gesprächsnachholbedarf könnte man, am Ende unseres Gespräches, als Stichwort verstehen, als Stichwort für die Kunsthochschule. Die hat auch einen Nachholbedarf an Gesprächen, sagte er.

An Kunsthochschulen ist zuviel geredet worden. In den Gremien der Kunsthochschule hat sich ein unergiebiges Gerede in Langeweile ausgebreitet. In den Ateliers redet man mit den Studenten unter dem Druck von Erfolgskonzeptionen, ein vergebliches Gerede an den möglichen Kunstkonzeptionen vorbei.

Was helfen würde, sagte er, wäre das Gespräch. Ein Gespräch, das um Kunstkonzeptionen kreist und von keiner anderen Konzeption mehr unter Druck gesetzt würde, sagte er. Es wäre ein Gespräch in ansprechender Umgebung, sauberer Umgebung, ohne die doch nur vorgeblichen Spuren von Arbeit. Diese könnte an anderer Stelle sowieso besser gemacht werden. Dann könnte man diesen Ort, dieses Haus, ein kleines Haus, nebenbei bemerkt, auch gleich Akademie nennen. Seinetwegen könnte man auch einen anderen Namen wählen. Hauptsache, das irreführende Wort Schule käme darin nicht mehr vor.

Jetzt aber, sagte er, wäre seine Redezeit wirklich um. Damit schloß er das Gespräch und wir verabschiedeten uns.


© Thomas Huber / Erstveröffentlichung in: Thomas Huber, "Die Kunsthochschule", HbK Braunschweig 1997






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