Thomas Huber

Die Kunsthochschule (1)






Lassen Sie mich an dieser Stelle an ein Unglück erinnern, das sich schon vor längerer Zeit an einer Kunsthochschule zugetragen hat. Damals, als es geschah, wurde allerorten darüber berichtet. Der Unglücksort, die Kunsthochschule, war in aller Munde. Schuld an dem Unglück war ein Mitglied der Professorenschaft der Kunsthochschule, der Kunstmaler und Kunsthochschulprofessor S. . Im Prozeß, der dem Unglück folgte, wurde seine Schuld rechtmäßig festgestellt und das Gericht verurteilte ihn zu einer mehrjährigen Haftstrafe.

Die Aufgaben einer Kunsthochschule, also die Probleme im Verhältnis von Kunst und Lehre werden oft mit Theorien überzogen oder mit pädagogischen Methoden zugedeckt, so daß Diskussionen über die Kunsthochschule an der Wirklichkeit dieses Ortes leider nur zu oft vorbeigehen.

Ich hoffe, ich kann mit der Erinnerung an diese unglückliche Begebenheit Einblick in die tatsächlichen Widersprüche und Probleme einer Kunst-hochschule vermitteln und die Diskussion näher an die praktischen Fragen heranführen.

Mir schien es darum am naheliegendsten, den Kunsthochschulprofessor und Kunstmaler S. zu Wort kommen zu lassen, damit er das Unglück und die Umstände dieses Unglückes einem interessierten Fachpublikum schildern kann. Ich bat die Haftanstalt um die Erlaubnis eines Besuches und erhielt bald darauf die positive Antwort. Der offiziellen Erlaubnis für einen Gesprächstermin lag ein längerer Brief des Kunsthochschulprofessors und Kunstmalers bei, in dem er seine Bereitschaft bekundete, über das Unglück zu sprechen. Er bedauere es natürlich, schrieb er, daß unsere Unterhaltung in einem Gefängnis werde stattfinden müssen. Wenn mir das unangenehm sei, wovon er ausgehe, so könne er nur betonen, daß er sich selbst nie an diesen Ort gewöhnt hätte, an das Gefängnis gewöhnt hätte, sowenig er sich je an den Aufenthalt in einer Kunsthochschule gewöhnt hätte.

Er hätte sich damals in der Kunsthochschule so befangen gefühlt, schrieb er, wie er sich heute im Gefängnis gefangen wüßte. Ihn hätte das widersinnige und zwanghafte Verhältnis von Kunst und Lehre an der Kunsthochschule immer gefangen genommen, er hätte sich von der Ver-knüpfung von Kunst und Lehre unlösbar verstricken lassen. Sein Befreiungsschlag, sein Ausbruchsversuch hätte, wie man aber seinem jetzigen Aufenthaltsort entnehmen könne, an seiner Lebenssituation leider nicht viel verändert, außer, daß das Verhältnis von Kunst und Lehre eine lebenslängliche Verpflichtung gewesen wäre, eine lebenslängliche verbeamtete Verstrickung gewesen wäre, wohingegen er hier auf absehbare Zeit entlassen würde. Die Berufung zum Professor an eine deutsche Kunsthochschule sei eine subtile Form künstlerischer Freiheitsberaubung, schrieb er, ihm wäre im Gefängnis klar geworden, daß die Berufung eines Künstlers an eine deutsche Kunsthochschule die freiheitsberaubende Verstrickung in eine unlösbare Aufgabe bedeute. Erst in einem deutschen Gefängnis habe er sich aus dem Gefängnis einer deutschen Kunsthochschule befreien können, bzw. würde er auf absehbare Zeit daraus befreit. Aber, schrieb er, er wolle unserem Gespräch nicht vorgreifen und freue sich auf meinen Besuch.

Bald darauf traf ich ihn im Besucherraum der Haftanstalt. Dort führten wir ein längeres Gespräch, das ich im Folgenden, soweit mein Erinnerungsvermögen mich trägt, versuche, wiederzugeben.

Ja, sagte er nach der Begrüßung, ja, sagte er, "ich habe die Kunsthochschule angezündet. Ich habe die Kunsthochschule angezündet, und dann ist die Kunsthochschule abgebrannt. Ich habe die Kunsthochschule abgefackelt. Ein Feuer, sage ich Ihnen, sagte er, ein solches Feuer haben sie noch nie gesehen. Sein Lebtag hätte er noch nie ein solches Feuer gesehen, als wie die Kunsthochschule brannte. Die Flammen der brennenden Kunsthochschule, sagte er, standen im Himmel. Direkt bis unter die Wolken reichten die Flammen der brennenden Kunsthochschule. Nie wäre die Kunsthochschule dem Himmel näher gewesen, als damals, als sie in heller Flamme gestanden hätte. Er hätte während seiner ganzen Lehrtätigkeit versucht, die Kunsthochschule in weiträumigeren Sinnzu-sammenhängen zu sehen, aber erst, als er die Kunsthochschule ganz im Flammen habe stehen sehen, als selbst die Wolken über der Kunsthochschule flammengerötet am Himmel geleuchtet hätten, hätte er die Kunsthochschule in den letzten Dingen ganz gesehen. Bis auf die Grundmauern wäre die Kunsthochschule niedergebrannt, sagte er.

Das Dach wäre völlig weggebrannt und alle Zwischendecken des Gebäudes wären weggebrannt. Alle Holzverkleidungen, alle Türen, alles Mobiliar der Kunsthochschule wäre verbrannt. Die Staffeleien und Modellierblöcke, die Werkbänke und Zeichentische wäre verbrannt. Die Werkstätten und die Ateliers wären ein Raub der Flammen geworden. Und auch die Verwaltung hätte gebrannt, lange gebrannt, sagte er, Nahrung hätte das Feuer dort reichlich gefunden. Die Akten haben gebrannt, sagte er. Die endlosen Mitteilungen und Erlässe der Kunsthochschule haben gebrannt, alle Prüfungsunterlagen, alle Protokolle der Berufungsverhandlungen, die Protokolle der Aufnahmeverfahren, die Protokolle der Fachkommissionssitzungen, die Protokolle der Senatssitzungen, die Protokolle der Konzilssitzungen haben gebrannt. Die ungezählten Nachweise seiner Pflichtschuldigkeit, die Anwesenheitsvermerke in den Protokollen der abertausend Gremiumssitzungen, die er alle absolviert habe, sind durch das Feuer ausgelöscht worden, sagte er.

Seine protokollierten Beiträge in der Haushaltskommission, der Planungskommission, der Studienkommission, seine Wortmeldungen in den unüberschaubar vielen Gremien der Selbstverwaltung der Kunsthochschule, seine tausende von Unterschriften unter tausenden von Beschlüssen, Mitteilungen, Prüfungen, Verordnungen, Anweisungen, Verpflichtungserklärungen und Verträgen sind allesamt im Feuer Null und nichtig geworden. Bis in den Keller hinunter hat die Kunsthochschule gebrannt, sagte er. Besonders im Keller hat die Kunsthochschule lange und ausdauernd gebrannt. Dort lagerten die Prüfungsergebnisse aller Studienjahre. Die Ergebnisse der Dreimonatsklausuren, die Ergebnisse der Dreitages- oder Fünftages- oder Dreiwochenklausuren, die Arbeiten des Meisterschülerkolloquiums, die Diplomabschlußarbeiten, die Ergebnisse zur Ersten Staatsprüfung im Lehramt, alles ist in einem lodernden Feuerrausch in Nichts aufgegangen, sagte er.

Ölfarbe brennt wie der Teufel. Ölfarbe auf Leinwand brennt hervorragend, sagte er. Genauso Aquarelle, alles eigentlich auf Papier gemalte, gezeichnete, gedruckte hätte wie rasend gebrannt, sagte er. Die Malerei, die gesamte Malerei wäre von den Flammen in Sekundenschnelle nur so hinweggerafft worden. Von der Malerei wäre soviel Hite ausgegangen, daß alle Installationen und sogenannten Objekte sofort verbrannt wären. Das meiste wäre sowieso aus Holz oder aus relativ gut brennbaren Kunststoffen gewesen, sagte er, gerade die Bildhauerabteilung hätte den Rauch der brennenden Kunsthochschule in den abenteuerlichsten Farben erscheinen lassen. Besonders die Bildhauerabteilung hätte sehr farbenintensiv gebrannt und die Bildhauerabteilung wäre eigentlich, bis auf die paar Beispiele von notorischen Steineklopfern und Bronzegießern vollständig verbrannt.

Erstaunlicherweise hätten auch die Neuen Medien gut gebrannt, er hätte nicht erwartet, daß die Neuen Medien so gut brennen würden, das hätte sicher nicht nur an der Fotografie gelegen, die er hier der Einfachheit halber zu den Neuen Medien zähle. Die Neuen Medien hätten nicht nur gebrannt, sondern geknallt, sagte er. Einen Heidenlärm hätten die Neuen Medien gemacht. Man hatte, sagte er, den Eindruck gehabt, die Kunsthochschule ginge durch die Neuen Medien in die Luft. Mit den Neuen Medien hat die Kunsthochschule nicht nur gebrannt, sagte er, sondern ist von Explosionen regelrecht in der Luft zerrissen worden. Rückblickend, sagte er, haben alle Kunstgattungen gut gebrannt und, sagte er, was sonst in der langen Zeit an der Kunsthochschule nie geschehen wäre, im Feuer haben die verschiedenen Kunstgattungen einig gebrannt, sie hätten sich gegenseitig angeheizt im Brand der Kunsthochschule, sagte er.

Zuerst hätte sein Atelier gebrannt, sagte er. Von seinem Professorenatelier aus wäre das Feuer ausgebrochen. Man geht, sagte er, immer von sich aus, von seiner Arbeit aus. Grundlage der Lehrtätigkeit an einer Kunsthochschule ist das eigene Atelier. Entweder es brennt vom eigenen Atelier aus, oder es brennt gar nicht, sagte er. Der Brandherd muß, sagte er, in den eigenen Bildern liegen. Die eigenen Bilder sind der Ausgangspunkt. Künstlerisches Wirken an einer Kunsthochschule. Und wenn man sich mit Bildern beschäftigt, sagte er, das habe der den Kunsthochschulstudenten immer wieder gesagt, braucht man eine Bildkonzeption. Ohne eine grundlegende Bildkonzeption, bzw. eine Bildvorstellung, also ohne eine Bildanschauung, habe er gesagt, kann man keine Bilder machen, das sagte er, habe er seinen Studenten immer wieder gesagt.

Er hätte, sagte er, zu seinem Leidwesen zwei Bildvorstellungen, er gestehe es offen ein, daß er zwei Bildvorstellungen, also zwei Bildanschauungen habe, man könne ihm diese Unentschiedenheit zu Recht zum Vorwurf machen, damit käme man bei ihm aber zu spät, weil er sich diese seine Unentschschiedenheit immer schon zum Vorwurf gemacht hätte, sagte er. Er quäle sich selber damit, daß er zwei Bildkonzeptionen habe. Eine heiße Bildkonzeption hätte er und eine kalte Bildkonzeption, eine feurige Bildkonzeption hätte er und eine wäßrige Bildkonzeption. Am Anfang seiner Zeit in der Kunsthochschule habe er sich ganz auf die kalte Bildkonzeption konzentriert.

Am Anfang, als er an die Kunsthochschule gekommen sei, sei er ein kalter Künstler gewesen. Ich war ein kalter Künstler, sagte er, aber man dürfte das nicht falsch verstehen. Man müsse diese Kälte mit der Kälte von klarem kalten Wasser verbinden. Mit der Klarheit kalten und kühlen Wassers. Meine Bildvorstellung, sagte er, entsprach der kühlen Klarheit von kaltem Wasser. Diese Bildvorstellung war im Grunde eine Reinheitsvorstellung. Seine Klarheitsvorstellung wäre eine Reinheitsvorstellung gewesen. Seine Bildvorstellung als Klarheitsvorstellung wäre alles im allem eine Sauberkeitsvorstellung gewesen. Mit der Bildvorstellung als Sauberkeitsvorstellung hätte er an der Kunsthochschule angefangen.

Und, sagte er, die Kunsthochschule war das Gegenteil meiner Vorstellung. Die Kunsthochschule war schmutzig. Schmutzig und unordentlich. Er kenne, sagte er, keinen Ort auf der Welt, der so schmutzig und unordentlich ist, wie eine Kunsthochschule. Kunsthochschulen sind die schmutzigsten und unordentlichsten Orte der Welt, sagte er. Der Kunsthochschulschmutz ist der schmutzigste und unordentlichste, den es gibt. Wenn man ein Atelier der Kunsthochschule betrete, würde man vom Kunsthochschulschmutz erschlagen, vom Anblick des Kunsthochschulschmutzes erschlagen, sagte er. Der Kunsthochschulschmutz wäre nicht nur der schmutzigste, sondern auch der schnellste Schmutz der Welt. Kehre man den Kunsthochschulschmutz weg und er hätte weiß Gott am Anfang nur gekehrt in der Kunsthochschule, er hätte die Kunsthochschule nur noch mit dem Besen betreten, also der Kunsthochschulschmutz wäre sofort im Handumdrehen wieder da gewesen.

"Und" sagte er, der Kunsthochschulschmutz sei nicht nur schnell, sondern auch gefährlich, heimtückisch gefährlich, denn der Kunsthochschulschmutz mache depressiv, sagte er. Wer sich in einer Kunsthochschule aufhält, wird sofort depressiv, sagte er. Das kommt vom Kunsthochschulschmutz, das habe er immer gesagt, sagte er. Der Kunsthochschulschmutz versaut einem nicht die Kleider, sondern die Seele, das habe er immer gesagt. Die Sinnkrise und dann die Lebenskrise und dann die Kunsthochschulstudiumskrise und schließlich die Kunstkrise, dieses Symptom, unter dem jedermann an der Kunsthochschule zu leiden habe, komme vom Kunsthochschulschmutz. Die Kunstkrise keime im Kunsthochschulschmutz.


>> Fortsetzung: Die Kunsthochschule (2)



drucken / print / imprimer drucken / print / imprimer
zurück / back / retour zurück / back / retour
Startseite / Home