Thomas Huber

Die Bank - Eine Wertvorstellung (2)






Ich bin Künstler. Ich male Bilder. Ich arbeite in einer Bank. Mein Arbeitsraum liegt in der Kassenhalle direkt über dem Tresorraum. Ich habe hier eine Feuerstelle mit vier großen Herdplatten eingerichtet. Durch die Roste kann ich in den darunterliegenden Tresorraum blicken. Jeden Morgen schüre ich das Feuer im Geldspeicher, um meinen Kessel, einen goldgelben Bottich, zu erhitzen. Durch die Schlitze des Rostes glüht dann die rote Glut des verbrennenden Geldes. Sie heizt den Kessel, in dem ich das Wasser - meine Bildsubstanz, die Quelle woraus ich meine Bilder schöpfe - zum Kochen bringe.

Die Bank - © Thomas Huber / VG Bildkunst
Die Bank - © Thomas Huber / VG Bildkunst


Viel Kapital muß ich jeden Morgen verfeuern, um meine Bilder heiß zu machen. Das Erhitzen der Bildflüssigkeit bedarf vorsichtiger Kontrolle, sonst könnte das Werk schon im Beginn mißlingen. Mit zwei Thermometern, das eine ist gefüllt mit Essig, das andere mit Quecksilber, überprüfe ich den Hitzegrad meiner Malerei. Die Bank war so entgegenkommend, mir zu erlauben, meine Tiere mitzubringen. Es sind: Ein Fisch, drei Schlangen, sieben Raben, zwei Lämmer, ein Kalb, ein Schuhschnabel und ein Löwe. Jeder Art habe ich einen Platz in den sieben Schaufenstern der Bank zugeteilt. Die stille und genügsame Anwesenheit der Tiere begleitet freundlich meine Arbeit. Die Tiere flüstern mir weise die Wege meines Werkes. Die Tiere und der Künstler fühlen sich wohl in der Bank.

Ich habe die Tiere aus unterschiedlichen Metallen gegossen. Entsprechend der Edelkeit des Metalls, aus dem sie geformt sind, habe ich sie der Reihe nach geordnet. Das unedle Metall steht am Anfang, das edle am Schluß dieser Reihe. Der Fisch ist aus Quecksilber, die Schlangen aus Blei, die sieben Raben sind aus Zinn, die Lämmer aus Silber, das Kalb aus Kupfer, der Schuhschnabel ist aus Eisen und der Löwe ist aus purem Gold.

Während der Arbeit verwandelt sich mein Werk. Es nimmt die Gestalt eines Tierkörpers an und verwandelt sich dann in den nächsten. In einem Reigen von Erscheinungen ist das Werk zuerst ein Fisch, verwandelt sich in drei Schlangen, dann stehen sieben Raben herum, diese nehmen die Form von Lämmern an, das eine stehend, das andere liegend, ein Kalb wird aus den beiden, ein Schuhschnabel steht plötzlich neben mir, und am Ende trägt mein Werk das königliche Antlitz eines Löwen. Meine Kunst ist die Verwandlung. Was ich gesehen habe, verwandelt sich in ein Bild. Was ich berühre, ver-schwindet und kehrt allein golden nur als Schein zurück. Mein Geschäft sind nicht die handfesten Argumente und auch nicht die klugen Beweise. Ich verführe durch die Schönheit des Scheinens meiner Werke. Meine Bilder sind wie vom Glanz des Goldes abgezogen. Man hat mich in die Bank bestellt, damit ich das hier angehäufte Kapital in meinen Bildern zu Gold verspinne. Und jeden Tag bringt man mir neues Geld, es will kein Ende nehmen. Stumpfes Metall, das müde Knistern der Geldscheine, endlose Listen mit unanschaulichen Bilanzen verspinne ich zu goldenen Fäden.

Sind wir, die Künstler und die Bankiers, uns nicht sehr ähnlich? Wechsler, Geldvermehrer, Goldmacher, schillernde Spekulanten des Scheins. Scharlatane gar? Verführer durch das Versprechen verwunderlicher Vermehrung? Beide malen wir an den Bildern von glücklicherer Zeit. Wir sind die Zauberer des Scheins. Die Schöpfer und Verwalter der verbindlichen Werte unserer Zeit. Das Wasser in meinem Kessel ist heiß geworden. Die Thermometer zeigen an, dass die Bildsubstanz in Dampfform übergegangen ist. Ich lasse den Dampf über einen Vorlauf aus dem Kessel entweichen. Ein Röhrensystem leitet den Dampf zu den Tieren, die untereinander durch Röhren verbunden sind. Der Dampf strömt durch die Tiere hindurch und wird am Ende der Kette über einen Rücklauf in das vasenförmige Kondensgefäß geleitet. Von dort gelangt das Kondenswasser wieder in den Heizkessel und wird erneut in Dampf umgewandelt.

Die Tierkörper habe ich als Heizkörper ausgebildet. Meine Tiere heizen die Bank. Der heiße Dampf erwärmt die metallenen Tierkörper von ihren Eingeweiden her. Entsprechend der spezifischen Leitfähigkeit der Metalle, strahlen die Tierkörper je eine eigene Qualität von Wärme ab und erfüllen die Halle der Bank mit dieser vielgestaltigen Wärme. Es sind des Künstlers Bilder, die die Bank wärmen. Heiß sind seine Bilder. Rätseltief verschenken sie sich in vertrauensstiftender Wärme. Im Geld, als dem Stoff aus dem er seine Bilder formt, hat der Künstler ein Material gefunden, um die sich immer wieder aufs neue verschlie-ßende Welt in weiten und tiefen Bildern zu öffnen. jetzt sind die Zeiten vorbei, da sich das Kapital neue Märkte erschließen mußte. Jetzt eröffnet es sich in Bildern unermeßliche Räume für seine Aufgaben. In den Bildern gewinnt das Kapital nie geahnte Zonen und verschenkt sich ihnen mit seinem goldenen Sinn.

Der Künstler tut in seinen Bildern einen Raum auf. Er reißt die geschlossene Fläche der Leinwand mit seinem Stift auf. Mit Zauberhand öffnet er die Tür zu den Räumen unserer Vorstellungen und macht sie in unserer Schau zur Wirklichkeit. Bilder malend, verbindet er die Tiefe des entworfenen Bildraumes mit der Wirklichkeit, aus der wir diese Bildräume bisher nur in ihrem Scheinen erahnten. Der Künstler öffnet die Schranke zwischen unserem Sein und unserem Scheinen. Er verbindet unsere elenden Bedingungen mit ihren versprochenen Möglichkeiten. Er erlöst zwei Medien, zwei Wirklichkeiten, die bisher unverträglich und undurchdringlich gegeneinanderstanden, aus ihrem Widerspruch. Er hält seine Hand über die Schwelle, das Bild, das sie trennt, und mit einem Mal ist die Schwelle überschreitbar. »Die neuen Märkte für das Kapital stehen in den Bildern offen«, sagt der Künstler. »In die Räume der Bilder müßt Ihr investieren, hier ist der Ort unserer zukünftigen Prosperität.«

Die heute weltumspannende Marktwirtschaft zeigte sich mit Vernunft anpassungsfähig. Am Anfang dieses Jahrhunderts wurde sie sozial und in jüngster Vergangenheit ist sie die ökologisch soziale Marktwirtschaft geworden. Die Maßgabe für den Schutz und die Pflege der Menschenwürde, auch unter dem Gesetz des Handels, die soziale Verträglichkeit des Marktes, orientiert sich am Menschenbild. Die Maßgabe für den fürsorglichen Umgang mit der Natur ist in unserem Naturbild verbürgt. Soziale Verantwortung und dienender Umgang mit der Natur sind in Bildern, und nur in Bildern - die wir von der Natur und dem Menschen haben - , verwahrt. Bedenken Sie, diese Bilder können wir nicht machen. Sie sind für uns in ihrer Schönheit nur ein Geschenk und nur in der Schönheit gültig. Dieses Geschenk schenken kann nur das Werk. Schönheit ist gültig nur im Werk, im Kunstwerk.

Das Werk ist die Gabe des Schöpferischen. Die Maßgabe für den sozial wie den ökologisch verantwortlichen Umgang in der Marktwirtschaft setzt das Künstlerische. Die Einheit für diese Maßgabe ist das Geld. Die Entscheidung, dem Künstler in der Bank das Geld zu überlas-sen, zeigt zum erneuten Mal die Vernunft der Handelnden. Denn wie gezeigt ist das Geld bei den Künstlern in den besten Händen. Ich habe Gefäße mit in die Bank gebracht. Darin messe ich die Tiefe meiner Bilder, die Bildtiefe, die Tiefe ihres Sinns. Auf den Stufen zum Herd hinauf sind sie aufgestellt. Als zarte Silhouetten kann man sie in den Fensterscheiben erkennen. Der Blick von außen schließt in jedem Gefäß ein Tier ein, als wäre es darin eingefangen. Mit den Gefäßen schöpfe ich die Bilder, gieße ein und gieße um, von einem Gefäß ins andere. Siebenfach ist die Verwandlung der Bilder von ihrem Anfang bis zu ihrer Vollendung.

Unsere allerersten Vorfahren versorgten sich mit soviel Nahrung, wie sie für ihren täglichen Bedarf benötigten. Erst das Erlebnis der Schuld am Töten des Tieres für die eigene Nahrung führte zur Mehrproduktion. Jenes, was darüber hinaus erlegt, getötet wurde, diente zur Besänftigung des Zornes der Götter, ob diesem Mord, und die Götter wurden im Opfer dieser mehr als nötig erlegten Tiere mit in die Verantwortung des Tötens genommen. Das Überschreiten einträglichen Zusammenlebens mit der Natur bis zu deren Ausbeutung gründet in einem Pfand, das man den Göttern für einen Bund angeboten hatte. Versichert wurde dieses Pfand im Bild des Opfers. Die Ware, womit wir heute gedankenlos verhandeln, beziehungsweise ihr Preis, ist von seinem Grunde her das Eingeständnis einer großen Schuld und das an ein Bild abgegebene Vertrauen, von dieser Schuld erlöst zu werden.

Ich schüre meinen Ofen. Die Hitze in der Bank wird größer. Die in den Schalen eingeschlossenen Tiere schmelzen. Sie verbrennen in der Hitze des glühenden Kapitals. Ich achte mit Hilfe der Thermometer darauf, dass die Hitze während zweier Stunden konstant bleibt. In der Bank ist es jetzt sehr warm geworden. Der Rauch über den Dächern der Stadt verdeckt schon die Sonne. Die Tiere brennen. Das heiße Tierfell und die bei der Verbrennung anfallende Asche verbinden sich. Aus dem Bottich gebe ich Wasser zu. Der Sud verkocht jetzt in den Schalen zu einer gallertigen Masse. Nach zwei Stunden wird das Feuer im Ofen gelöscht. Die Gallerte kühlt ab und gerinnt zur Seife. Das Kapital ist 7111' Seife verkocht, die gelblich, weißlich und manchmal sogar rötlich ist. Sowie die Seifenmasse ausgehärtet ist, zerschlage ich die gläsernen Gußformen und löse die Seifenblöcke vorsichtig heraus. Gut sichtbar für jedermann werden sie dann in der Mitte der Kassenhalle aufgestellt.

Der Künstler wurde in die Bank bestellt, um die verlorene Verbindlichkeit unseres Sagens und Verhandelns in den Bildern, in ihrem Scheinen, als Schönheit zurückzuholen. Was ist ein Bild? »Ich werde es Euch sagen«, sagt der Künstler: »Ist es ein Ding, oder weniger noch als ein Hauch? Es ist beides und keines von beiden zugleich. Hab ich es zwar gemacht, so entzieht es sich mir ganz in seinem Scheinen. Das Bild verschenkt sein Vorhandensein an die Schönheit seines Scheinens. Sein Wesen ist die Schwelle zwischen seinem Vorhandensein und seiner Bedeutung. Es ist die Grenze zwischen Sein und Scheinen.« Manch Stumpfer glaubt, das Bild wäre die Trennung zwischen der Bedingtheit unseres Seins und unserer Hoffnung. Der Künstler hat es als die Verbindung von beiden erkannt.

Stellen Sie sich vor: Ich gieße Wasser in ein Gefäß. Danach gieße ich eine gleiche Menge Öl darüber. Nach einer Weile steigt das goldschimmernde Öl nach oben und trennt sich mit einer Grenze vom Wasser. Im Glas können wir jetzt Wasser und Öl, zwei Wirklichkeiten, die keine Verbindung miteinander eingehen mögen, betrachten. Ein winziger Tropfen Seife reicht aus, um die beiden sich widerstrebenden Medien miteinander zu verbinden. Öl und Wasser verbinden sich jetzt zu einer Emulsion. Die Seife ist ihr Emulgator. Emulsionen sind die Ausgangsbasis für die vermalbaren Farben. In der Malemulsion, in dieser Verbindung, ist bereits die Bestimmung der Malerei selbst verwahrt.

Malerei emulgiert unsere Wirklichkeit mit den genaueren Möglichkeiten, die wir uns von ihr machen. Malerei öffnet die Grenzen zwischen Sein und Scheinen und versammelt den möglichen Übertritt von einem zum anderen in sich. Malerei ist die aufzeigbare Schwellt und kein lediglich metaphorischer Ort des Übertritts in die Transzendenz. Malerei ist der Schlüssel, das Elixier, das Geheimnis der Wandlung. Wie das Beispiel der Seife zeigt, die zwei Medien miteinander verbinden kann, erschließt die Malerei unsere Wirklichkeit dem Schein ihrer Bestimmung.

Der Künstler hat sein großes Werk vollbracht. Er hat das Kapital in die reine Bildsubstanz umgeschmolzen. Hier stehen die riesigen Seifenblöcke, Möglichkeiten unendlich vieler Bilder. Die Seife ist der pure Stoff, aus dem die Bilder sind. Die Bilder sind für uns der verbliebene Ort der Schönheit. Das Kapital ist schön geworden. Und es duftet ... doch.


© Thomas Huber / Erstveröffentlichung in: Thomas Huber, "Der Duft des Geldes", Verlag Jürgen Häusser, Darmstadt 1992






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