Thomas Huber

Die Bank - Eine Wertvorstellung (1)






Das schönste Bauwerk in einer jeden Stadt ist heute die Bank. Groß und prächtig steht sie im betriebsamen Zentrum jeder Metropole. Der erarbeitete Reichtum einer Gesellschaft wird heute kaum mehr zum Bau von Kirchen oder Residenzen aufgebracht. Die feudalen oder sakralen Bauten sind nicht länger mehr die Schatzkammern einer Gesellschaft. Heute ist es die Bank, die in ihrem Äußeren wie in ihrem Inneren den edelsten Ausdruck menschlichen Schöpfungs- und Leistungsvermögens zeigt. An den Bau der Bank verschenken die Bürger ihren mühevoll erworbenen Reichtum, um in der Schönheit des damit Erbauten ein gültiges Bild ihrer Werte zu erkennen. Mit dem hier aufge-bauten Modell möchte ich Ihnen diesen neuen Gebäudetyp vorstellen. Bis auf ortsbedingte Abweichungen, von der hier gezeigten Idealform, stehen gleiche Häuser heute im Zentrum fast jeder größeren Metropole.

Die Bank ist nicht nur das größte und höchste Bauwerk in einer Stadt. Beste und ausgesuchteste Materialien stellen es in seiner auffallenden und stilbildenden Bauweise vor alle anderen Gebäude. Es ist kein reiner Zweckbau. Die Architektur dient nicht allein der Schaffung von Schutz und Raum. Es fällt auf, dass die hochaufragenden Wände - als Geviert einen Raum bildend - sich an ihren Ecken nicht berühren. Bei windigem Wetter herrscht in dieser Bank starker Durchzug. Es fehlt der Bank auch das Dach. Das Gebäude öffnet sich dem Himmel und nimmt ihn in sich hinein. Der Himmel und seine Wolken sind in der Bank, und bei Regen wird man darin nass. Dieses Gebäude ist nicht gegen die Unbill des Wetters gebaut. Seine Mauern erinnern an Kulissen. Die Mauern der Bank sind hochaufgerichtete Bilder. Dieser Bau ist aus einem Kanon von Bildern zusammengefügt. Diese Bank klingt als Bild. Sie genügt sich in ihrer Fassade. Vielfältig stellt sie sich in je anderen Bildern dar, zeigt sich von jeder Seite mit einem anderen und doch das Ganze meinenden Gesicht.

Zur einen Seite stellt sich die Bank in einer Arkade vor, als wäre sie ein Haus für den Himmel. In der Bank scheinen die Lüfte zu wohnen. Die Wolken, in vielgestaltig sich abwechselnden Formen, treiben leise und schnell durch das Haus. Durch die Arkaden der Bank schauend, sieht man am Morgen den Aufgang der Sonne, sieht die Helle am Mittag und die Glut der untergehenden Sonne am Abend. Die Bank rahmt in der durchbrochenen Fassade das Bild ihrer eigenen Bestimmung ein. Wie am Himmel gesehen, verwahrt sie die jeden Tag aufs neue angemahnte Umwandlung und Verwandlung.

Auf der Portalseite zeigt sich die Bank in der schlicht gemauerten Westfront einer kleinen Kirche. Es scheint, als wäre diese Fassade Teil eines früheren Bauwerks, das an derselben Stelle stand wie heute diese Bank. Man kann sich vorstellen, dass dieses Portal als einziger Rest eines Gebäudes - nach einem Brand oder einer mutwilligen Zerstörung - stehen blieb, oder aus Respekt vor der ehemaligen Bestimmung erhalten und in das diesen Ort jetzt behauptende Gebäude integriert wurde. Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Vorstellungen, welche vermittelnde, von allen getragene Kraft die Belange einer Gesellschaft verwahrt und pflegt.

Ausstellung: 'Die Bank' - © Thomas Huber / VG Bildkunst
Ausstellung: Die Bank - Eine Wertvorstellung


Es kam der geschichtliche Zeitpunkt, wo es sinnfällig wurde, die zum größten Teil leerstehenden Kirchen wieder dem Anspruch nach Transzendenz, der Vermittlung und feierlichen Veranschaulichung für die für alle verbindlichen Werte zu öffnen. Diese Neubesetzung des Ortes, den die Sakralbauten in den Städten innehielten, bedingte allein schon ihre zentralste Lage. Der Raum in den Innenstädten war eng geworden. Hier aber hatten sich Institutionen ausgebreitet, die in den Ritualen des Geldverkehrs für sich in Anspruch nehmen konnten, jene Bilder, die bisher die Kirche pflegte und zelebrierte, weitaus authentischer und für breite Bevölkerungsschichten verbindlicher verwahren zu können. In den Außenbezirken der Städte und in den Dörfern waren Kirchen schon zu Wohnungen und Büros umgewandelt worden. Man hatte sie in Altenbegegnungsstätten oder Ausstellungsräume verwandelt, oder einfach abgerissen und anderen Zwecken dienende Gebäude an gleicher Stelle errichtet. Schließlich hatten auch die Kirchen einst den Platz der heidnischen Kultstätten für sich beansprucht und übernommen.

Jetzt war wieder eine Zeit gekommen, den Ort für die vermittelnden Zentren einer Gemeinschaft mit einem neuen Anspruch zu besetzen. Ohne Erfolg berief sich der Widerstand gegen eine solche Veränderung auf den vor 2000 Jahren bezeugten Ausspruch: »Mein Haus soll ein Bethaus sein, ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht.« Insbesondere die Forderung des Protestantismus nach dem fleißigen, sparsamen und umsichtig Handel treibenden, als dem guten Christenmenschen, hat zu dieser veränderten Welt selbst beigetragen. Hier wird eine Geschichte erzählt. Ist sie schon geschehen oder steht sie noch bevor? Dieses Gebäude resümiert diese Geschichte als Drama auf einer großen schwarzen Bühne. Zu dieser Bühne führen Stufen hinauf. Oben angelangt, erkennt der Hinaufgestiegene die Plattform als überdimensionierten Herd. Vier große Herdplatten sind darin eingelassen. Unter den Rosten leuchtet die Glut. Jenes, das da unten feuert, ist der Tresor der Bank. Der Tresor brennt.

Die Bank ist eine Feuerstelle. Die Bank ist ein Herd. Sie ist der Opferstein mitten in der Stadt. Tragen wir nicht unser Wertvollstes dahin, um diesen Wert in der Gebärde des Weggebens, durch das Opfer, immer wieder aufs neue mit Sinn zu erfüllen? Vertrauen wir unser Geld nicht den Ritualen der Bank an, im Vertrauen, das Hergegebene nach ausgehandelter Zeit um ein Mehrfaches zurückzubekommen? Auch in ihrer Fassade zeigt sich die Bank als Herd. Diesem Bild entsprechend, hat die Fassade drei Öffnungen: In der Mitte lodert das Feuer im Ofen. Darüber sammelt sich die Hitze. In das darunterliegende Fach fällt die Asche. Die Bank ist der Ofen einer Stadt. Sie versammelt die Zerstreuten um die Wärme ihrer Glut. Die brennende Bank ist die schönste Bank. Glutrot leuchtet sie, und zauberschöne Rauchsäulen steigen aus ihrem Inneren durch das offene Dach zum Himmel. Im Rauch und seinen unzähligen, sich stets verändernden Formgebilden, die er in den Himmel baut, erkennt man die würdigste Architektur der Bank. Die Rauchfahnen kleiden zuweilen die Sonne in seidene Schleier und verbinden sich mit den vorüberziehenden Wolken. Eine stete Rauchsäule über den Dächern der Stadt zeigt deren Bewohnern den Ort ihrer Mitte. Der Rauch ist den Menschen der Stadt zum Inbild ihrer nie versiegenden Arbeitskraft geworden.

Ihre bisher allein im Geld verbürgte Leistungsfähigkeit und die Möglichkeiten, die das Geld eröffnet und verspricht, sind im Schauspiel des Rauches wie eingelöst. Je nachdem welche Währung brennt, schimmert der Rauch schwarz oder weiß. Es gibt Tage, da ist er goldgelb, und manchmal ist der Rauch sogar rot. Wer hätte je geglaubt, dass wir unseren Reichtum daran erkennen können, so wie jetzt, wo wir ihn an das Spiel von zarten Rauchschleiern verschenken. Die Bank präsentiert sich von einer vorderen und von einer hinteren Seite. Sie entspricht damit der herkömmlichen Konstruktionsweise eines Ofens. Nach vorne hin, zu ihrer Schauseite, ist die Bank die gut gewärmte und schmucke Stube. Nach hinten dagegen erstrecken sich die Wirtschaftsräume. Von hier aus wird auch geheizt, es wird gefeuert und die beim Verbrennungsvorgang anfallende Asche dann von dort aus entsorgt.

Als Herdfeuer findet die Bank ein anschauliches Bild ihrer vermittelnden Aufgabe in der großen Versammlung einer Stadt. Sie ist der Mittelpunkt des betriebsamen Verhandelns und Austauschens dieser Gemeinschaft. Hier, an diesem Ort, fließen die Interessen aller zusammen. Das Maß für dieses Interesse ist das Geld. Es ist das verbindlichste Medium unseres alltäglichen Lebens geworden. Es ist heute das Mittel, mit dem wir unser Zusammensein organisieren. Es ist die von allen auf Anhieb verstandene Sprache. Das Geld ist der Inbegriff hochgradigen Konsenses in unserer Gemeinschaft. Unsere Wertvorstellung ist schier identisch mit dem Geld. In der Bank wird dieser Wert verwahrt und verbürgt. Hier wird eines jeden einzelnen Leistung in einen verhandelbaren und kommunizierbaren Kredit umgesetzt. Die Bank verwaltet die Sprache unserer Gesellschaft. Sie versichert jedem seinen Anteil an dieser Sprache, vermittelt ihm die Sprachmächtigkeit in der Verhandlung mit dem anderen. Die Bank gewährt uns die Verbindlichkeit unserer ganz individuellen Möglichkeiten und verspricht uns das uns zustehende Maß, um wieviel wir an der gesellschaftlichen Wirklichkeit teilnehmen können. Die Bank vermittelt jedem den ihm gebührenden Kredit zu seiner gesellschaftlichen Glaubwürdigkeit.

Das Geld als das Maß für den Preis wird hier als Sprache erkannt. Sie ist das Medium, mit dem heute ein gültiger Gesellschaftsvertrag ausgehandelt wird. Teil dieses Gesellschaftsvertrages kann nur werden, was einen Preis hat.

Sprache war noch nie nur der Austausch von Informationen, ein Geben und Nehmen allein oder ein Ausgleich der Konten. Ziel jedes Sprechens ist das gemeinsame Verstehen der am Gespräch Beteiligten. Verständnis, auch wenn es die Erkenntnis sich entgegenstehender Positio-nen ist, bedeutet die Einigung auf eine im Sprechen gefundene Wertsetzung, die die Verhandelnden aus ihrer zufälligen und arbiträren Position heraushebt und sie einer von ihnen beiden unabhängigen Gültigkeit versichert. Jede Sprache, jedes Mittel aber ist an sich sinnlos. Der Versuch, den Gehalt ihrer Zeichen festzulegen. festzuschreiben oder gar zu verordnen, führt zu einer totalitären Sprache und ermöglicht kein sinnvolles Gespräch. Sinn gründet nicht in der Festlegung. Aber in der Stiftung wird der Sprache der Sinn geschenkt. Diese Stiftung ist jeder Sprache in ihren Mitteln versprochen. Sprache ist der Hauch unseres Atems, die Nennkraft des Wortes, die Melodie unserer Stimme, die Leuchtkraft der Farben, das Liniengeflecht unserer Zeichen. In der Sinnenhaftigkeit ihres Scheinens ist der Sprache ihre eigene Gültigkeit versprochen. Sprache begegnet ihrem verbindlichen Ausdruck, ihrem wahrhaften Sagen dort, wo sie über ihre äußersten Grenzen steigt, und darüber hinaus im scheinbar Unverständlichen, Unaussprechlichen, frei von jedem ihr angetragenen Zweck, sich selbst begegnet.

Diese Begegnung mit der eigenen Unsagbarkeit ist ihre Schönheit. Von der Schönheit her kommt der Sprache das Geschenk wahrhaften Sagens entgegen. Die Schönheit jeder Sprache aber erkennt und würdigt allein das Künstlerische. Unser Gesprochenes spricht dank seiner Dichter. Ihr Sagen findet zur Wirklichkeit des Gesagten. Sie ist also die Voraussetzung zur Verständigung. Diese Übereinkunft, die große Vorstellung vom Frieden beruht schließlich in der nicht aushandelbaren - sondern nur im Geschenk des Werkes, des Kunstwerkes - zu empfangenden Schönheit des Verlautbarten.

Soll also das Geld unsere Sprache sein, so wie es sich heute als jenes Mittel hervortut, welches unsere Verständigung organisiert, muß es sich in lauter Schönheit verwandeln: Die brennende Bank, der stete Rauch über ihrem Dach, ist die Poesie des Geldes. Wie unverbindlich und zufällig, wie unglaubwürdig wären die Möglichkeiten, die uns das Geld verspricht, ohne den Sinn, den das Geld in der eigenen Hinweggabe, im täglichen Opfer an seinen schönen Schein im Feuer und Rauch, sich als Schönheit zum Geschenk machen läßt. Es gab eine Zeit, da die Banken damit begannen, Kunst zu kaufen. Bilder, Skulpturen und Graphiken fanden Einzug in die Eingangshallen, Chefetagen und Büros der Banken. Banken setzten in zunehmender Weise ihr Kapital in Kunst um. Veranschlagtes Ziel dieser Ankäufe war, die Verbindlichkeit der Währung mit Kunst zu decken. Doch die Parallelität zur damals fragwürdig gewordenen Gold-deckung wurde bald offenkundig. Erst der hierauf folgende Einzug des Künstlers selbst in die Bank, seine Mitarbeit vor Ort, brachte die angestrebte Verbürgung des Kapitals im Schönen. Das war die Zeit, als die Banken zu rauchen begannen...

>> Fortsetzung: Die Bank (2)



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