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Thomas Huber
Überfahrt (2) |
Ich kann es wirklich nicht glauben, dass Bilder nichts bewirken können. Lassen Sie uns nochmals auf das schöne Bild schauen und es mit seiner renitenten Vorlage vergleichen. Sehen sie genau hin. In einem zwar leicht übersehbaren, doch sehr wichtigen Detail ist die Wirklichkeit dem Abbild gefolgt. Das Schild, das auf dem Bild gezeigt wird, steht auch tatsächlich an gleicher Stelle. Wir alle können es bezeugen, denn wir haben es beim Einsteigen in Remagen ja alle betrachtet. Das Schild ist da. Das Schild hat ein Schild geboren. Ein Bild hat ein Bild realisiert. Offensichtlich kann ein Bild nur seinesgleichen kreieren. Aus Bildern windet sich ein Reigen neuer Bilder. Bilder in Bildern in Bildern. Und uns passiert bei ihrer Betrachtung, wie wir eben erfahren haben, dass wir die Orientierung verlieren, z.B. aus dem vertrauten Zeitkontinuum herausfallen können.
Angesichts dieser Erkenntnis sollten wir, wie ich es eingangs meiner Rede schon gefordert habe grundsätzlich über Bilder sprechen. Wir sollten darüber sprechen, was Bilder vermögen, was sie bewirken können, wie folgenreich Bilder sein können.
Ich sage: "Wir sollten über Bilder sprechen." Interessant ist bei dieser herkömmlichen Formulierung das "über", "über Bilder" sprechen. Sind wir denn über den Bildern, wenn wir sie bedenken? Sind wir in einem Schwebezustand, heben wir ab und fliegen, wenn wir über Bilder nachdenken? Der Satz, wir könnten über Bilder sprechen, suggeriert außerdem, dass wir über das Besprochene eine Aussage machen könnten, wenn nicht sogar, dass wir die Bilder erklären könnten, dass wir sprachlich sie überfliegend einholen und dingfest machen könnten. Eingestandenermaßen zweifle ich an einem solchen Selbstverständnis.
Wir können nicht über Bilder sprechen, aber wir können vor Bildern sprechen, so wie ich es hier tue. Vielleicht sollte ich besser noch neben Bildern sprechen, denn spräche ich vor Bildern, würde ich sie verdecken, wenn hingegen ich neben Bildern spreche, kann jeder sie ungestört betrachten. Es gibt ja auch die Auffassung, der Künstler sollte sich ganz aus seinem Werk heraushalten, sollte es tunlichst vermeiden dazu einen Kommentar abzugeben. Er sollte sich hinter sein Werk zurückziehen. Wenn er denn schon sprechen muss, sollte er es nicht über Bilder, nicht vor und auch nicht neben den Bildern tun, sondern wenn schon hinter den Bildern. Aber eigentlich sollte er am besten gar nichts sagen, auch nicht hinter den Bildern.
Trotz dieses weisen Ratschlusses kann ich nicht schweigen und muss Ihnen von einem erstaunlichen Erlebnis berichten, das im Zusammenhang mit diesen Schildern hier steht. Es geschah bei meinem ersten Besuch hier in der Gegend. Auf Einladung des Arp Museums Rolandseck führ ich mit dem Auto nach Remagen. Ich stellte den Wagen an der Promenade ab. Wie viele Müßiggänger an diesem schönen Tag, spazierte ich am Ufer entlang. Die Restaurants und Cafés hatten angesichts des schönen Wetters Stühle und Tische herausgestellt. Es gab viel Publikum, das die Gelegenheit zu einer Erfrischung nutzte. Ich war eingeladen worden für diese Promenade einen Vorschlag für ein Kunstwerk zu machen. Ich ging darum besonders aufmerksam das Uferstück vor Remagen auf und ab und wartete auf die glückliche Eingebung.

Bauschild Remagen 2 - © Thomas Huber / VG Bildkunst
Bei meinem Spaziergang fiel mir auf, dass ich mich wenig für das Promenadenstück von Remagen interessieren konnte, sondern dass mein Blick immer wieder zum Rhein hin schwenkte, weg von den Cafehäusern, den Sommerfrischlern hin zum mächtigen Rheinstrom. Ich beobachtete die schwerfällig vorbeiziehenden Rheinkähne, die sich oft gefährlich nah nebeneinander vorbeischoben. Ich schaute auf die riesige Masse dahintreibenden Wassers, das sich in unterschiedlichen Oberflächenfarben und Strukturen über die weite Fläche des Rheines ausbreitete. Es war sehr beruhigend das stete und nicht aufhörende Dahintreiben des Wassers zu beobachten. Am interessantesten aber schien mir der Anblick des anderen Ufers. Mein aufmerksamer Blick ging immer wieder hinüber zur anderen Seite des Rheins. Ich sah dort einen Kirchturm, ein paar Häuser, eine Strasse. Die Autos, die auf der Strasse fuhren waren zu erkennen, ihre Farbe, man konnte aus der Distanz sogar den Wagentyp ausmachen. Bei längerem Hinsehen waren auch die Leute zu erkennen, die am gegenüberliegenden Ufer den Rhein hinauf und hinab promenierten, so wie es die Leute auf dieser Seite auch taten. Ab und zu klangen auch die Glockenklänge der Kirche bis hier herüber. Auf einer Bank, an der ich bei meinem Spaziergang vorbei kam, saß ein Mann. Er hatte einen Feldstecher vor Augen und schien damit die gegenüberliegende Seite genauer zu inspizieren. Sicher konnte er mit dem Fernglas die Spaziergänger so gut erkennen, dass er vielleicht die Frisuren der Frauen studieren konnte, ob sie Schmuck trugen und er konnte die Rasse des Hundes ausmachen, den ein Spaziergänger drüben an der Leine führte.
Auch ohne Fernglas waren die Leute drüben erstaunlich nah. Ihr Anblick auf der anderen Seite war vertraulich, man ging sozusagen nebeneinander her, genoss dieselbe Landschaft und trotzdem war man unüberwindbar voneinander getrennt. Der Strom dazwischen war ein enorme, eine übermächtige Grenze. Die Vertrautheit des Anblickes der anderen Seite und ihre gleichzeitige Unerreichbarkeit machte die Attraktivität des Blickes zur anderen Seite aus. Ich konnte etwas sehen und doch nicht daran teilhaben. Der Rheinstrom trennte mich als großartige Schwelle von der Einlösung dessen, was ich sah. Und plötzlich erinnerte ich mich desgleichen Eindruckes, den ich immer wieder vor meinen Bildern habe, wenn ich sie im Atelier anschaue. Auf den Bildern kann ich etwas sehen, ich kann es betrachten, es ist mir so vertraut, dass ich die Hand danach ausstrecken möchte, um es zu berühren. Doch zwischen Sehen und Berühren spannt sich die rätselhafte Oberfläche des Bildes. Die durchscheinende Oberfläche des Gemäldes lässt mich zwar eine Welt erkennen und trennt mich von dieser auf ewig.
Müsste ich ein Bild, eine Metapher für diese Schranke finden, die die Oberfläche eines Gemäldes darstellt, so hätte ich sie im Anblick dieses Stromes gefunden. Der Rhein ist das verbindliche Bild für alle Bilder. So mächtig, wie er an mir vorbeifließt und mich von seiner anderen Seite trennt, so unüberwindbar ist auch die Grenze, die Schwelle, die sich in jedem Bild vor unseren gemalten Vorstellungen aufrichtet. Was ich am Ufer des Rheins stehend auf der gegenüberliegenden Seite betrachte, scheint mit einigen schritten erreichbar. Dabei ist dazwischen die Unendlichkeit des ewig vorbeiziehenden Wassers, das nie anhalten und eine Lücke freigeben würde, um gefahrlos hinüberschreiten zu können. So empfinde ich auch vor jedem Bild, das mir so vieles verspricht, jedoch die nie zu überwindende Andersartigkeit seiner Oberfläche mir dieses Versprechen für immer vorenthält.
Mit diesen tiefen Erkenntnissen ging ich schwer am Ufer entlang, als ich eine kleine Fähre entdeckte, die just am Ufer anlegte als ich vorbeiging. Nichts von Unüberwindbarkeit, ewigem Getrenntsein, Liebesentzug der schöneren, weil anderen Welt. Schnell bestieg ich das kleine Schiff. Es war schon später Nachmittag. Die Sonne lag golden auf dem Wasser. Wie ein Pfeil schoss die Nixe, so heißt die Fähre, zwischen den behäbig sich dahinschiebenden Kolossen der Rheinschiffart in die Flussmitte, holte dort weit aus und drehte sich und hielt zielstrebig auf das andere Ufer zu.
Das Erlebnis, das ich hier aus der Erinnerung schildere, passt doch sehr genau zu unserer jetzigen Situation. Auch wir befinden uns heute auf der Überfahrt. Wir haben uns von der schnöden Realität verabschiedet und sind ins Boot gestiegen. Wir stehen nicht mehr ergeben vor den Bildern unserer Vorstellungen und Utopien, sondern haben den mutigen Schritt in diese hinein gewagt. Wir sind dabei die Schwelle zu überschreiten, die uns von den Versprechungen der schöneren Welt trennt. Wir sind ins Bild eingetaucht, wir sind im Bilde. Jetzt spreche ich nicht mehr vor dem Bild zu Ihnen, auch nicht neben oder hinter diesem, ich spreche im Bild zu Ihnen. Die Bilder sind jetzt nicht mehr nur Schein, der uns mit verführerischen Flimmern verzaubert. Wir befinden uns mitten in der Imagination und haben bald am anderen Ufer wieder festen Boden unter den Füssen. Ein anderes Land werden wir dort betreten.
Vorerst will ich Ihnen aber von der damaligen Überfahrt weiter berichten: Aus der Strommitte kämpfte sich das kleine, schmächtige Schiff rheinaufwärts in schräger Fahrt zum Anlegestelle von Erpel. Der Fährmann bugsierte das Schiffchen zum Steg und vertäte es. Ich war am anderen Ufer. Ich stieg aus und ging das Ufer entlang. Ich schaute nun nach Remagen hinüber. Seltsam, der Ort, wo ich kurz vorher noch war, lag weit entfernt und wie unerreichbar im untergehenden Sonnenlicht. Es war das gleiche Empfinden, wie ich es ehedem von der anderen Uferseite hatte. Das was ich sah, war unüberwindbar weit weg. Zu meinen Schrecken stellte ich jetzt auch fest, dass der Fährmann dabei war, das Schiffchen fester zu vertäuen. Er war gerade dabei die Luken zu verschließen, als ich atemlos bei ihm ankam. "Feierabend," sagte er. Ich blickte hinüber nach Remagen, es war so nah und doch so weit weg. Mein Auto stand dort an der Promenade. Es gibt keine Brücke, weder stromaufwärts noch abwärts die zu Fuß zu erreichen ist. Es würde einen Tag dauern oder mehr, bis ich wieder ohne Auto hier bei meinem Wagen wäre. Verzweifelt und mit weher Sehnsucht blickte ich über den Strom zum gegenüberliegenden Ufer hinüber.
Das also kann meinem passieren, wenn man sich aufmacht seine Utopien nicht nur in der seligen Betrachtung anzuschauen, sondern auch zu erobern. Da stand ich jetzt auf der anderen Seite des Bildes, auf jener Seite, die ich bisher so sehnsuchtsvoll nur gesehen, aber nie betreten hatte. Da stand ich im Bild und der Rückweg daraus war offensichtlich abgeschnitten. Und meine einziges Verlangen war, so schnell als möglich zurück in die Realität zu kommen, d.h. ganz banal zu meinem Auto zu kommen, das eben nicht im Bild sondern vor dem Bild stand. Warum hatte ich mich nie darin geübt auch Autos zu malen. Auch in Bildern braucht man zeitgemäße Fortbewegungsmittel. Ich schwor mir in Zukunft in jedes Bild auch ein Automobil zu malen um gegebenenfalls schnellstens aus den eigenen Vorstellungen wieder abfahren zu können. Der Autoverkehr fehlt offensichtlich in meinen Bildern.
Ich kann Ihnen versichern, dass wir, am anderen Ufer bald angelangt, dort aussteigen können und das Schiff auf uns warten wird. Es wird uns wieder zurückbringen. Sie brauchen keine Sorge haben, dass ich Sie zwar in die Welt der Bilder geführt aber aus diesen nicht mehr herausführen würde. Genießen Sie darum unbeschwert die Schönheit dieser Landschaft. Diese Region hier ist eine sehr bildhafte Gegend, eine Landschaft, die sich wie ein Buch in lang vertrauten und schönen Bildern entblättert. Es sind romantische Bilder, die sich wie für immer in unser Gedächtnis hinein gemalt haben. Sie haben sich als Bilder aber auch in unser Erinnern hineingeschrieben, als Gedichte und märchenhafte Erzählungen. Die Bilder sind hier auch als Burgen und Schlösser gebaut, Legenden und Geschichten sind zu Architekturen geronnen. Die epische Weite und Größe kommt all diesen Form gewordenen Erzählungen zu, weil der Rhein durch sie hindurchfließt. Dieser mächtige Strom trägt mindestens die Hälfte unseres europäischen Kontinents durch diese Bilder hindurch. Der Rhein strömt durch diese Bilder, weil es auch das abendländische geistige Erbe ist, das er durch die Bilder trägt.
An schönen Tagen, wenn das Wasser des Rheins fast blankgeputzt ruhig und nur scheinbar träge, weil mit aller Macht seines Fliessens, unaufhaltbar an einem Ort wie diesem vorbeizieht, spiegelt sich das säumende Ufer in dieser seiner blanken Oberfläche. Die Landschaften, alte und neue Stadtpanoramen, die gute wie die schlechte Seite am Rhein, beide spiegeln sich in seiner bewegten Oberfläche. Wer möchte bezweifeln, dass der Rhein ein großes Gedächtnis ist? Er nimmt die Spiegelungen auf seinem Leib mit sich. Der Rhein vergisst nicht. Was an seinen Ufern sich ihm zuneigt, verleibt er sich ein. Die Bilder als Spiegelungen auf seiner dahinziehenden Oberfläche hat er sich gemerkt und er treibt unaufhaltsam dem Meer zu.
Und ich sage Ihnen, es kann durchaus sein, dass Sie anderorts am Ufer des Rheins, irgendwo in Europa stehen. Sie blicken in seine Wasser und in einem Wellental, in einem beiläufigen Wirbel können Sie unvermutet jene Bilder aufblitzen sehen, daran sich dieser Strom für ewig erinnert und in Gedanken treibend, mit sich genommen hat. Ihr eigens Bild, das er, wie Sie sich über ihn geneigt haben, an anderer Stelle wiedererinnert. Oder auch den Abglanz der Schilder, die ich deswegen so nah am Ufer gebaut habe, damit sie sich im Rhein spiegeln. Er wird ihre Bilder in die Weltmeere tragen.
© Thomas Huber (Erstveröffentlichung an dieser Stelle)