Thomas Huber

Überfahrt (1)






Rede anlässlich einer Schiffahrt von Remagen nach Erpel am 17. Juli 2003



Meine Damen und Herren,

willkommen an Bord. Ich begrüße Sie herzlich zur Überfahrt. Wir werden von Remagen an das gegenüberliegende Ufer des Rheins, nach Erpel übersetzen. Wir kommen auch wieder zu unserem Ausgangspunkt zurück, seien Sie also unbesorgt.


Bauschild Remagen 1  - © Thomas Huber / VG Bildkunst
Bauschild Remagen 1 - © Thomas Huber / VG Bildkunst

Haben Sie beim Einsteigen das Schild am Anlegesteg gesehen? Zur Ihrer Erinnerung haben wir das Bild, das es zeigt, hier im Schiff aufgehängt. Das Ziel unserer Überfahrt nach Erpel ist ein zweites Schild, das dort in ähnlicher Weise, wie in Remagen aufgestellt ist. Auch dieses Bild hängt, vorweggenommen, als Zwilling des zuerst gesehen Schildes im Schiff.

Die Fahrt über den Rhein ist also der Wechsel von einem Bild zum anderen., wie es Ihnen aber auch unbenommen sein soll, die vielen schönen Bilder, die diese Rheinfahrt Ihnen bieten wird genauso wahrzunehmen.

Über Bilder will ich auf dieser Fahrt sprechen. Ich habe noch nie auf einem Schiff über Bilder geredet. Haben Sie auf einem Schiff schon einer Rede über Bilder zugehört? Aber über Bilder haben wir schon alle nachgedacht, wenn wir eine Schifffahrt unternommen haben. Auf einem Schiff zu fahren hat etwas sehr Beschauliches und auch Nachdenkliches. Schauen und Denken kommen auf einem Schiff gut zusammen. Darum ist es nicht von ungefähr, wenn das Nachdenken über Bilder auf einem Schiff nun zur Sprache kommt.

Das Schild auf Remagener Seite zeigt die gegenüberliegende Rheinseite. Man erkennt die charakteristische Silhouette, die sich über der breit ausgedehnten Fläche des Rheinstromes ausdehnt. Die kleine Ansiedlung von Erpel, am Fuße des Bergmassives ist zu erkennen. Mit einigem Erstaunen, womöglich sogar Erschrecken ist auf dem Schild weit mehr, eine große Zahl von Gebäuden auszumachen. Es ist eine veritable Überbauung, ein erheblicher Eingriff in die landschaftliche Idylle. Die Häuser sind groß und hoch und bunt.

Prüfend geht der Blick am Schild vorbei. An gleicher Stelle zeigt sich die Beschaulichkeit des stillen Ufers, ein Kirchturm, alte Ufermauern, mittelalterliche Stadtbefestigungen, darum herum einige herrschaftliche Villen, zum Teil verdeckt durch große Bäume.

Der wiederholte Blick auf das Schild behauptet etwas ganz anderes. Man kann zwar immer noch Kirchturm und ursprüngliche Bebauung erkennen, davor aber hat sich, wie im Zauber fast eine ganze Stadt geschoben.

Hab ich gesagt, dass wir nach Erpel übersetzen, um dort ein zweites Schild, ein weiteres Bild uns anzuschauen? Vielleicht habe ich mich versprochen: Nein, wir fahren hinüber zu dieser Stadt. Wer sagt, dass sie nicht dort steht? Die Fahrt über einen Fluss ist auch die Fahrt woanders hin. Wir überqueren eine Grenze, wir überwinden eine Schwelle und kann es nicht auch die Überschreitung der herkömmlichen Wahrnehmung sein, die Überwindung eingeübter Sehkonventionen. Vielleicht ist unsere Überfahrt mythisch zu verstehen, die Überfahrt in eine andere Welt.

Da drüben liegt eine Stadt, die über die Jahre meiner künstlerischen Beschäftigung mit Bildern entstanden ist. Es scheint, über das Wasser ist diese Stadt meiner Imaginationen zu erreichen. Die Bildmächtigkeit einer Rheinquerung, das Übersetzen verspricht einen Eingang in eine Welt von Bildern. Jedes Haus dort entspricht einem meiner Bilder, die ich die Jahre über gemalt habe. Denn ich habe gesagt: Ein Bild ist wie ein Haus. Ein Bild bietet Schutz und Herberge in den Räumen, die es scheinend eröffnet. So wie sich ein Haus von außen gesehen in seiner Fassade zeigt und einiges durch sie über sein Inneres verrät, gibt auch ein Bild in seinem äußeren Anschein Hinweis auf die in ihm verborgenen Räume unserer Seele. Ein Bild ist wie ein Haus. Ein großes Haus mit prächtigen Hallen oder ein unheimliches Haus mit dunklen Fluren, verqueren Treppenhäusern und verlorenen Räumen. Viele Bilder, sind viele Häuser. Große und kleine Häuser, so kann sich ein Reigen von Bildern zu einem umfassenderen Bild, dem Bild einer Stadt zusammenfügen.

Am Ufer steht das Theater, daneben die Bibliothek. Ganz nah am Wasser steht der Rundfunksender, darüber das Beinhaus. Hinter dem Theater erkennt man mein Wohnhaus, die "Schreckliche Geschichte". Ein Hotel ist zu sehen, ein Panoramagebäude und viele Bauten mehr. Drüben angekommen, werden wir Gelegenheit haben, die Gebäude, die nur Bilder sind, näher zu besichtigen. Ich werde Ihnen dann auch gern die einzelnen Häuser und ihre Eigenheiten genauer vorführen. Zusammen mit Raimund Stecker dem jetzigen Leiter des Museums Rolandseck habe ich früher bereits einen Stadtführer unter dem Titel "Schauplatz" herausgegeben, der Auskunft über "Huberville" gibt, denn so heißt diese Stadt. Bei Bedarf kann ich Ihnen diesen Führer gerne geben.

Schauen wir nochmals auf das Bild: Sehen Sie, wie unser Schiff im Begriffe ist am Ufer von "Huberville" anzulegen? Wir sind nun selbst im Bilde angelangt, sind Bild geworden. Und ohne Zweifel stehen über uns groß die Häuser der Stadt, ganz nah die orange Fassade der Bibliothek, die Sonne glänzt in ihrer mäandrierenden Oberfläche. Etwas davor gesetzt steht auch, wie angekündigt, das zweite Schild, das Zwillingsstück zum Schild, das wir bei unserer Abfahrt in Remagen gesehen haben. Vorerst können wir das Schild nur von hinten sehen. Wir werden also aussteigen, ans Ufer gehen müssen, um das Schild von seiner Schauseite her betrachten zu können. Wir werden dies gleich tun. Die Fahne hier greift diesem Blick auf das Schild bereits vor. Ich kann Sie versichern, dass auf dieser Fahne dasselbe zusehen ist, wie auf dem Schild, das Sie später besichtigen können.

Fällt Ihnen auf, wie schnell die Zeit vergangen ist? Bei hellem Sonnenschein sind wir von Remagen abgefahren. Jetzt blicken wir dorthin zurück und es ist schon Nacht geworden. Dunkelheit hat sich über Remagen ausgebreitet. Es muss an der Überfahrt liegen, die uns die Zeit hat vergessen lassen. Grenzen, die die Natur aufgerichtet hat, unbedacht zu überschreiten scheint nicht ohne Gefahr. Der Rhein, diese mächtige Schwelle, ist vielleicht auch eine Schwelle vor der Zeit, die Randbefestigung unserer Zeitwahrnehmung, die Sicherung dass ein Tag ein Tag dauert und die Nacht nach dem Abend kommt. Jetzt sind wir nur ein paar Minuten über den Rhein gefahren und in dieser Zeit ist ein ganzer Tag verstrichen.

Solche Geschichten kenne ich auch aus dem Gebirge. Hirten hüten in großer Höhe, weit weg über den Dörfern, das Vieh. Sie sind ganz alleine nur mit den hoch aufsteigenden Felsen über ihnen und den Geißen, die man ihnen anvertraut hat. Eine Geiß ist plötzlich verschwunden. Der Hirte macht sich auf sie zu suchen. Er steigt hinan in die Felsen, sucht in Schluchten. Schließlich findet er das verirrte Tier und bringt es zurück zu seiner Herde. Die Suche hat lange gedauert, es ist schon Abend geworden, Zeit zurück ins Tal zu kehren. Er sammelt seine Tiere zusammen und treibt sie ins Tal hinunter. Wie er endlich ankommt ist es schon nacht. Vertraut und doch seltsam fremd ist ihm das heimatliche Dorf. Wie er die Tiere ihren Ställen zuführt, kommen fremde Menschen aus den Toren. Sie erkennen ihn nicht, er sie noch nie gesehen. Er fragt nach seinen Eltern, seine Geschwistern. Schließlich führen ihn die Einwohner des Dorfes auf den Friedhof. Sie zeigen ihm verwitterte Grabsteine. Viel Moos ist schon über den Gräber gewachsen. Er entziffert die nur schwer leserlichen Inschriften und erkennt die Namen seiner Eltern, Brüder und Schwestern, die vor hunderten von Jahren gestorben sind.

Dieses Beispiel zeigt, ob wir nun Höhen überwinden, wie dieser Hirte im Gebirge oder einen Strom überqueren, wir können uns in der Zeit verirren. Es macht jetzt wenig Sinn, wenn Sie sich zu sehr aufregen. Beruhigen sie sich. Es wird schon nicht so schlimm sein. Bestimmt haben wir nur einen Tag verloren, eigentlich nur ein paar Stunden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass gleich ein paar Jahre, wenn nicht sogar hunderte vergangen sind. Sie machen sich Sorgen, wegen dem Parkticket für ihr Auto in Remagen, das dann abgelaufen sein wird? Es könnte ja noch schlimmer sein und es steht dort, wo sie ihren Wagen abgestellt haben nur noch ein mit Gras überwachsener Rosthaufen.

Vielleicht können Sie auf dem Bild von Remagen in der Nacht ja ihr abgestelltes Auto erkennen. Wir haben mit sehr großer Auflösung gearbeitet, so dass man fast den Parkschein hinter der Windschutzscheibe erkennen müsste. Ich finde Ihre Sorge aber etwas übertrieben, wie kann man sich über ein Auto so aufregen. Betrachten Sie lieber die roten Säulen, die über die ganze Rheinfront von Remagen hintereinander aufgereiht sind. Sie leuchten wie rote Flammen. Die regelmäßige Wiederholung der Säulen gibt dem Stadtpanorama eine überschaubare, geschlossenen Form zurück, die durch die zahlreichen, wenig passenden Neubauten des letzten Jahrhunderts gestört worden ist. Sie müssen zugeben, dass die Vorstellung der Säulen geeignet wäre Remagen wieder ein Gesicht zu geben, das es durch wenig sensible Neubauten etwas verloren hat. Es ermüdend, ja geradezu ernüchternd ist die traurige Einsicht, dass sich die Wirklichkeit nicht nach den Bildern richtet, die wir uns machen. Als Künstler kann ich ein Lied davon singen. Das Schild steht nun bald zwei Jahre da und noch immer wollen die Säulen nicht wachsen. Die Saat geht nicht auf. Schauen sie nur am Bild, am Schild vorbei: Keine Säulen! Komplette Ernüchterung, nichts ist passiert.

Sie müssen doch zugeben, dass das Bild schöner ist, als die Wirklichkeit vor Ort. Warum folgt die Welt nicht den schöneren Möglichkeiten, sondern verharrt selbstgerecht in ihrer hässlichen Variante.


>> Fortsetzung: Überfahrt (2)



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