Die Bilder, die in dieser Bibliothek verwahrt werden, sind flüchtig. Sie tauchen auf und verschwinden wieder. Diese Bilder aus Wasser lassen sich nicht festhalten. In der anstrengenden Helle werden sie blass, sie verdunsten, verblassen, erlöschen. Sie verweilen nur kurz in der gefährdeten Sichtbarkeit, bevor sie sich wieder dem ewigen Kreislauf des Wassers überantworten. Denn das Wasser ist den Bildern gnädig. Kein Bild hält seine permanente Sichtbarkeit aus. Am unterbruchslosen Vergegenwärtigungszwang (ohne Unterlass, möchte ich beibehalten), an der Forderung nach ständiger Verfügbarkeit, der die vielen Bildpublikationen ohne Skrupel genügen, gehen die Bilder ein, sie verdorren und werden blind. Zur Prüfung braucht man nur einen Katalog aufzuschlagen und die in seinen Abbildungen erstorbenen Bilder zu sehen. Das Wasser dagegen lässt die Bilder im Ereignis ihrer Anschauung erscheinen und nimmt sie in die nie ganz zu ergründende Tiefe hinter ihrer Oberfläche wieder zurück.

Panorama - © Thomas Huber / VG Bildkunst
Die Bibliothek steht am Wasser. Sie gliedert sich in drei gleiche Gebäudeteile. Es sind drei schmale, hohe Baukörper, die oben mit je einem Tonnengewölbe abgeschlossen sind. Die beiden Innenhöfe zwischen den Bauteilen öffnen sich zum Wasser. Die Fassade der Bibliothek ist zur Wasserseite dicht mit Bildern bemalt. Die Bilder zeigen, auf die Aussenseite der Gebäude gemalt, je die Innenansicht der einzelnen Gebäudeteile. Von aussen gesehen gibt die Bibliothek also Aufschluss darüber, was in ihrem Innern geschieht und welche Funktionen die einzelnen Gebäudeabschnitte im Bibliotheksganzen haben.
Das Haus ganz links ist voller Wasser. Dunst steigt aus dem Wasserbecken, das den Raum ausfüllt, und sammelt sich am Himmel in vielgestaltigen Wolkenbildern. Zu Zeiten fällt das Wasser als Regen wieder zur Erde zurück. Es bilden sich Wasserlachen auf dem Boden, Wolken spiegeln sich darin. Ich musste lachen, als ich dieses Bild zum ersten Mal bewusst bemerkte. Es hatte geregnet, plötzlich und unerwartet. Genauso schnell verzog sich das Unwetter wieder. Der Platz, den ich hatte überqueren wollen, war jetzt übersät mit riesigen Pfützen. Ich hatte Mühe, einen trockenen Pfad zu finden. Da sah ich, wie eine der abziehenden Wolken am wieder klaren Himmel vorbeizog. Vom untergehenden Sonnenlicht beschienen, schwebte sie selbstbewusst, fast majestätisch über ihrem Werk am Himmel und liess ihr Spiegelbild in den Wasserlachen aufblitzen. Der Künstler erkennt sich in seinem eigenen Werk, stellte ich fest. Eine ziemlich eitle Sache, ärgerte ich mich, weil ich nur bemüht war, trockenen Fusses über den verregneten Platz zu kommen.
Das mittlere Haus beherbergt den Lesesaal. Sein Raum ist mit hohen Vasen vollgestellt. Es könnten jene Gefässe sein, die vordem noch an die Wände gemalt waren. Jetzt sind sie aus ihrer Darstellung herausgetreten und stehen hoch bis ins Gewölbe über ihnen. In zwei Bildern neben dem Fenster sind beispielhaft zwei Vasen vorgestellt. Sie sind mit Eichmarken versehen, die die Füllmenge anzeigen. Auch die drei Becken sind in einem weiteren Bild zu sehen.
Das dritte Haus ist mit Modellen der Lichtbrechung bemalt. Die Reflexion des Lichtes wird an Kreiskegeln unterschiedlicher Art dargestellt. Schnitte durch das Modell des Sehkegels erläutern das Zustandekommen von Ellipsen und Hyperbeln als Darstellung des Kreises in der Perspektivkonstruktion. Wir werden später im vierten Bild Einblick auch in dieses Haus erhalten.
Das dreigliedrige Bibliotheksgebäude steht vor dem Panorama einer Stadt. Huberville, so habe ich die Stadt genannt, ist über die vergangenen Jahre entstanden. Die Bibliothek ist das bisher letzte Gebäude dieser Stadt.
Meine Bilder entstehen eines nach dem anderen. Über die Jahre fügt sich ein Bild an das nächste. Es sind grosse und kleine Bilder, einander zugehörig und doch jedes für sich. Ich habe immer wieder den Eindruck, diese vielen unterschiedlichen Bilder seien doch ein einziges Bild, das ich mit jedem neuen Anfang erneut in Angriff nehme, an dem ich ein Leben lang fortmale. Die längst unübersichtlich gewordene Fülle von Bildern gleicht der Ansammlung vieler Häuser, die zusammen eine Stadt bilden. Auch eine Stadt wächst mit jedem Gebäude, ist ein sich kontinuierlich veränderndes Bild. Alle meine Bilder zusammen erinnern an eine Stadt. Jedes Bild darin ist ein Haus, ein Ort in dieser imaginären Stadt. Und betrachtet man eins dieser Bilder, so ist es, als träte man hinein, als beträte man ein Haus. Jedes Bild, das ich neu male, fügt sich in den Kosmos dieser Stadt, und erleichtert stelle ich fest, dass ich mit einem neuen Bild nicht jedes mal die Welt neu erfinden muss. Es gibt bereits ein Umfeld, in das sich das Neue einfügen kann.
Direkt hinter der Bibliothek steht ihre Vorgängerin; auch eine Bibliothek, ein orangefarbenes Gebäude auf elliptischem Grundriss. Diese Bibliothek war der Vorschlag für den Campus einer Hochschule, an der ich längere Zeit gelehrt hatte.
Daneben steht mit blauer Fassade die «Schreckliche Geschichte», mein Wohnhaus, der Ort meiner familiären Lebensumstände.
Davor sieht man das Theater, das, ähnlich wie die Bibliothek, mit Bildern seines Innenlebens bemalt ist, mit wechselnden Szenen, die auf der Bühne des Theaters gespielt werden könnten.
Der Rundfunksender, ein zylindrischer Bau mit elliptischen Ausschnitten in der runden Fassade, steht nah am Wasser und spiegelt sich darin. Er verdeckt zum Teil den Stadtpavillon. Darüber stehen in einer Reihe der offene Pavillon und zwei Zahlenhäuser.
Der Uhren- und der Glockenturm sind die Wahrzeichen von Huberville. Weit oben über der Stadt ist die Charité zu erkennen, daneben das Regalstudio.
Am linken Bildrand sieht man Das Bild. Die Säulenreihe davor führt auf den Eingang der Bibliothek zu und verdeckt teilweise eine Plakatwand. Sie zeigt Werbebilder für eine Reihe von Buchpublikationen, die ich zu meinen Bildern veröffentlicht habe.
Diese Stadt ist ein Bild, weil auch ihre Häuser Bilder sind. Die Stadt ist gemalt, sie ist nicht gebaut, und sie soll auch nie gebaut werden, denn sie ist nur als Bild vorgestellt. Keines der Gebäude würde wohl je als Architektur funktionieren. Die Häuser sind nicht wetterfest, es fehlt ihnen die Versorgung mit Wasser, Strom und Wärme. Sie haben teilweise nicht einmal Fenster und Türen. Die Gebäude funktionieren nur ästhetisch, sie sind nur anschaulich und genügen der Vorstellung eines Bildes. So ist auch die Bibliothek ins Bild gesetzt. Die Bibliothek ist ein Bild. In ihr werden Bilder verwahrt, so wie sie selber im Bild einer Stadt aufgehoben ist.

Reflexion - © Thomas Huber / VG Bildkunst
Das vierte Bild der Bibliothek für Aarau zeigt die Innenansicht des Gebäudeteils ganz rechts. Viele grosse und kleine Schüsseln stehen dicht beieinander auf dem Boden. Sie sind unterschiedlich farbig und alle mit Wasser gefüllt. Das bildgesättigte Wasser ist auf viele Behältnisse verteilt. Das Licht fällt seitlich durch die Fenster und trifft auf die Ansammlung von Schalen. Es zeichnet ein helles, feines Rund auf die Ränder der Schalen, die sich von unserem Standpunkt aus als schmaler werdende Ellipsen in der Raumtiefe immer dichter aneinanderschieben. Das Licht bescheint aber auch die unterschiedlich grossen Wasserflächen in den Schalen, bricht sich und zeichnet grössere und kleinere Lichtkreise auf die gegenüberliegende Wand. Wenn der Wind durch die offenen Fenster und durch den Raum zieht und über das Wasser in den Schüsseln streicht, kräuseln sich die Ringe an der Wand, sie zittern und flimmern als goldene Zeichen über all dem Geschirr. Dann blickt man aus den Fenstern, dort steht zart der Horizont des Meeres.
Ich betrachte eine Schale mit Wasser und sehe sie an, als wäre sie ein Bild. Das Wasser in der Schüssel steht still und spannt seine zarte Haut ins Rund der Schalenleibung. Die Wasserfläche ist durchsichtig. Ich kann hindurchsehen und blicke in eine ganz andere Bedingung. Die Wasserfläche ist eine Grenze, dahinter beginnt eine andere Welt. Auch ein Bild ist eine gespannte Fläche, die eine Welt abschliesst, sie dem Auge aber gleichzeitig auch erschliesst. Ich blicke so auf die Bilder, wie ich auch auf das Wasser schaue. Licht fällt auf Flächen und lässt sie scheinen. Das Licht auf dem Wasser zeigt zarte Abbilder seiner Grenze als zitternde Kreise auf der Wand. Wenn Licht auf die Bilder fällt: Wo sieht man deren Widerschein?
«Der Geist schwebte über den Wassern», erzählt die Schöpfungsgeschichte. Die Vorstellung des Geistes über dem Wasser wiederholen viele einprägsame Bilder der göttlichen Offenbarungsgeschichten. Die Taube mit dem Ölzweig im Schnabel fliegt über die unendliche Fläche des Wassers, das nach der Sintflut die Erde bedeckt. Eine Taube ist es wieder, die über Jesus schwebt, als Johannes ihn im Jordan tauft.
In einer Bibliothek bedenken wir auch das Geistige der Bilder. Ein Bild für diesen Geist, der über den Bildern schwebt, sind diese tanzenden, irrlichternden Kreise über den versammelten Schalen auf der Bibliothekswand.
© Thomas Huber / Erstveröffentlichung in: Thomas Huber, "Bibliothek in Aarau", Schriften zur Aargauischen Kunstsammlung, Aargauer Kunsthaus und Lars Müller publishers, 2003