|

|
Thomas Huber
Die Bibliothek in Aarau (1) |

Wolken - © Thomas Huber / VG Bildkunst
Ein Haus voller Wasser. Eine ungewöhnliche Vorstellung. Das Bild lässt mich nicht los. In einem grossen Raum breitet sich von Wand zu Wand eine weite, grüne, stille Wasserfläche aus, durch die hindurch ich in einen dunklen Abgrund sehe. Manchmal streicht eine Brise durch die Fenster und der Windhauch kräuselt die Oberfläche des Wassers. Irgendwo weit hinten in der dämmrigen Stille des Raumes gluckst es. An einer anderen Stelle fallen Tropfen ins Wasser. Die Wände werfen Laute hin und her. Ein Murmeln, ein geheimes Flüstern geht über die Wasser. Durch die Fenster sieht man das Meer - in blendender Helle. Schwach zeichnet sich zwischen Himmel und Wasser der Horizont ab. Hier drin im halligen Raum ist es kühl. Eine grün durchwirkte Dämmerung steht über der ausgebreiteten Fläche, die bis knapp unter die Fensterbrüstungen reicht. Mit der Hand kann man ins kalte Wasser fassen.
Ich könnte Bilder malen auf die Wände über dem Wasser; Bilder von Wolken am Himmel. Ich würde den Himmel am Morgen malen, den starr gewordenen Himmel über der Mittagshitze, das Eindunkeln des Abendhimmels und den kalten Himmel in der Nacht. Die Wolkenbilder spiegeln sich im Wasser. Sie sind dort ganz grün und kalt und fremd. Ob sich die Wolken im Wasser wiedererkennen? Man könnte annehmen, dass das Wasser gerade die Wolken mit besonderer Zuneigung spiegelt. Wolken und Wasser spüren ihre Verwandtschaft durch das eine Element, aus dem sie bestehen. Die Wolken sind kapriziös, sie gefallen sich in der Verwandlung in immer neue Formen und treiben unstet am Himmel. Unter ihnen fügen sich die Wasser geduldig jeder Form, die sich ihnen anbietet; sie kommen zur Ruhe zwischen bewaldeten Hügelketten wie auch in engen, steilen Tälern. Über Felder, Wiesen und Wälder ziehen die Wolken über den Himmel, um unter sich endlich die Seen zu finden. Es scheint, als ob sie nur am Himmel treiben würden, um ihr Spiegelbild zu finden. Dann halten sie in der Mittagshitze inne, blicken hinunter und ergötzen sich am eigenen Bild, das ihnen der See lachend entgegenhält - als wären sie Geschwister beim Spielen. Das Schwesterlein, die Wolke, gefällt sich in wechselnden Kleidern. Begeistert hält ihr Bruder See den Spiegel hin, damit sie sich bewundern kann. Es gefällt ihr, wie er sie mit ihrer eigenen Schönheit unterhält.
Wenn sich am Mittag die Hitze über dem See staut, sodass die Mücken nur noch knapp über der Wasserfläche tanzen, so nah, dass sie das Wasser fast berühren, verdichtet sich das Wolkenbild über dem See. Es ist, als würde der Bruder in verwandelnder Form zur Schwester hinaufsteigen. Der liebliche Himmel verwandelt sich, Wolkenberge türmen sich über dem See, erste Tropfen klatschen ins Wasser und schon überzieht ein warmer Sommerregen die Oberfläche mit Tausenden springenden Punkten. Windböen aus allen Richtungen streichen mit breiten Pinselhieben hell schimmernde Lasuren über die bewegte Fläche. Das Spiegelbild ist wie weggewischt. Aber schon am nächsten Morgen ist der See wieder blank geputzt. Ein paar übermütige Wolken tummeln sich bereits wieder am Himmel. Der See liegt da, als wäre nichts geschehen, und schaut wohlgefällig dem Spiel der Wolken in seiner spiegelnden Oberfläche zu.
Ich glaube, dass der See die Bilder, die sich in ihm spiegeln, nicht nur wiedergibt, sondern dass er sie in seiner Erinnerung behält. Er verwahrt die Bilder, die sein Spiegel gesehen hat. Der See ist ein Gedächtnis, das Wasser ist seine Erinnerung. Tief ist das Wasser im See, weil der See sich tief erinnert. An Vogelschwärme, die über ihn gezogen sind, an die zitternden Reflexe bunter Schiffchen im Wasser. Er erinnert sich an die grünen Hügelkämme, die in sanften Linien seine Ufer säumen, und auch an die Bilder der Wolken über ihm. Ginge die Sonne jeden Morgen über ihm auf, wenn der See sich ihrer nicht inständig erinnerte? Und der Mond erscheint in jeder Nacht neu über dem See und betrachtet sein blasses Ebenbild im Spiegel, um der ewigen Erinnerung des Sees an seine vom Mondlicht versilberten Wellen zu genügen.
Ein Haus voller Wasser ist die Idee, ist das Bild für eine Bibliothek im Aargauer Kunsthaus. Hier werden Bilder verwahrt, bedacht und ausgestellt. Eine Bibliothek an diesem Ort ist den Bildern gewidmet. In Bibliotheken stehen normalerweise Bücher, unendliche Reihen von Büchern, übereinander geordnet in Regalen. Bücher versammeln in der Regel Texte. Immer häufiger sind heute Bücher auch bebildert. In einem Buch können heute oft mehr Bilder versammelt sein, als ein grosses Museum in seinem Besitz hat. Man darf sich fragen, ob Bilder in Büchern gut aufgehoben sind. Besonders jene Bilder, die nur Abbildungen, nur Reproduktionen von gemalten Bildern sind, bleiben immer hinter den Originalen zurück. Sie sind meistens kleiner wiedergegeben, als sie in Wirklichkeit sind, die Farbigkeit der Abbildung weicht vom ursprünglichen Bild ab, und vor allem ist der Körper eines Bildes in seiner Reproduktion verschwunden - alles, was bleibt, ist ein Hauch von Druckfarbe auf dem Papier.
Gibt es bessere Möglichkeiten, sich an Bilder zu erinnern, als sie in Büchern zu betrachten? Es gibt natürlich die Möglichkeit, den Bildern leibhaftig im Museum zu begegnen. Das ist der Sinn eines Museums, und auch das Kunsthaus in Aarau bietet genau diese Möglichkeit. Doch wie ist es mit all den anderen Bildern, die nicht hier sind, die wir einst woanders gesehen oder noch nie gesehen haben und von denen wir trotzdem Kenntnis haben möchten? Auch dafür sind Bibliotheken da.
Wenn wir die Bilder im Wasser, in der Fülle des Wassers, in seiner Tiefe, in seiner glitzernden Oberfläche erkennen könnten! Darum kommt mir das Haus voller Wasser in den Sinn. Das Wasser ist tief genug, die Bilder zu bewahren. Das Wasser hat in seinem Spiegel alle Bilder dieser Welt aufgefangen und verwahrt sie seit Anbeginn der Zeiten. Was könnte sonst vor dem Wasser da gewesen sein? Im Anfang breitete sich Wasser über die ganze Erde. Die ersten Geschehnisse müssen sich bereits in diesem Gedächtnis, das sich über die ganze Erde spannte, in der gleissenden Oberfläche gespiegelt haben. Niemand soll behaupten, das Wasser hätte das erste Licht vergessen, das seine Oberfläche in ein glitzerndes Meer verwandelte ...

Lesesaal - © Thomas Huber / VG Bildkunst
Ein neues Bild: Es zeigt einen Raum, sehr ähnlich dem ersten. Er ist schmal, hoch und wie jener überdacht mit einem Gewölbe. Auf die Wände sind nicht Wolken, sondern Gefässe gemalt. Das Wasser aus dem ersten Raum ist hier in diesen Behältnissen aufbewahrt. Das Wasser wurde in die Vasen, Schalen und Schüsseln gegossen. Man hat es aus dem ersten Bild sozusagen mitgenommen und in neuer Form verwahrt. In den Behältnissen ist jetzt das bildgesättigte Wasser aufgehoben. Die Gefässe sind Bilderspeicher, Reservoirs für Bilder.
Bilder vergegenwärtigen wir uns auf Oberflächen. Wir schreiben unsere Zeichen auf Blätter, wir malen sie auf weiss grundierte Leinwände, sie erscheinen unter dem Glanz von Fotopapieren, wir lassen sie über die opaken Oberflächen unserer Bildschirme irrlichtern. Immer begegnen wir unseren Gesichten auf abgeschlossenen Flächen. Wie im Zauber aber öffnen diese Zeichen die Grenze, in die sie hineingeschrieben wurden, sie deuten auf jene Zonen hinter der Schwelle, vor der sie selbst noch stehen. Die Zeichen verweilen zwar noch an den Oberflächen, wo wir sie hingesetzt haben, das Bild ist aber nur eine Rast, dahinter scheinen die Wege ihrer Bedeutung auf. Wir schauen durch die gezeichnete, die aufgerissene Oberfläche in die Tiefe einer neu erschlossenen Welt. Bilder sind nur auf den ersten Blick flach. Ihre Anschauung erweist sie als tief, sie verwahren sich in einem Körper. Darum sollten wir die Bilder einem Gedächtnis mit Volumen, mit Tiefe anvertrauen und sie nicht auf flachen Seiten abheften. Wir sollten die Bilder dem Wasser anvertrauen, dem riesigen Gedächtnis, das in den Meeren, den Seen und Flüssen die Erde überzieht. Die tiefe Erinnerungsmächtigkeit, diese Raum gebende Bildhaltigkeit des Wassers wird für die Bibliothek in Aarau in grossen und hohen Vasen, in weit ausladenden Schalen, in raumgreifenden Gefässen aufgefangen und in dem für sie errichteten Gebäude untergebracht.
Der Leser betritt den Raum, den Lesesaal der Bibliothek. Er sieht die Bilder in den unterschiedlichen Gefässen auf der Wand versammelt. Das Wasser darin, von den Bildern aromatisiert, wird aus den Vasen in die grossen Becken im Raum gegossen. Weit breitet es sich als gespannte Oberfläche in den Becken aus, darauf die bildgebenden Vasen, die sich spiegelnd wiedererkennen. Der Leser steigt in eines der Becken. Weisse Blätter schwimmen auf der Wasserfläche. Er greift nach einem Blatt in seiner Nähe und zieht es aus dem Wasser. Beim Übertritt vom Wasser zur Luft, an der Grenze zwischen den beiden Medien, schreiben sich die im Wasser gespeicherten Bilder auf das Blatt. Die vielen Blätter, die er nach und nach aus dem bildgesättigten Wasser zieht, werden eins nach dem anderen mit Bildern beschrieben.
Ein ganzes Buch hat der Leser an Land gezogen und blättert darin. Doch wie er die Bilder betrachtet, bemerkt er erstaunt, dass sie nur aus Wasser sind und an der Luft verschwinden. Die gesammelte Bilderwelt löst sich nach und nach in Dunst auf, der sich darauf wieder dem versammelten Wasser in den Becken zueignet.
>> Fortsetzung: Bibliothek in Aarau (2)