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Thomas Huber
Halle |
"Wo sind die Bilder?" So könnte einer fragen. Und man würde antworten: "Ja siehst Du sie denn nicht? Da sind sie doch! Hier ist eines und da ist eines und dann gibt es auch noch ein kleines Bild. Drei Bilder insgesamt, unübersehbar."



Halle 1-3 - © Thomas Huber / VG Bildkunst
"Gewiss," würde er erwidern, "das sehe ich auch, auch ich sehe drei Gemälde, aber mir scheint die Bilder sind woanders. Offensichtlich sind mir drei Bilder vor Augen und trotzdem habe ich den Eindruck diese Bilder sind an einem anderen Ort als diesem, woraus ich sie betrachte."
"Ja," stimmt man zu." Die Bilder sind nicht hier vor Ort, die Bilder sind an einem anderen Ort, die Bilder sind in den Bildern. Eigentlich sind sie in einem einzigen Bild. Es ist die Vorstellung eines großen Gebäudes. Dieses Gebäude umschließt einen großen Raum, eine Halle. Diese Halle, genauer gesagt die Wände dieser Halle sind der Ort der Bilder. Die Bilder sind auf die Wände der Halle gemalt."
"So habe ich es gemeint," sagt er. "Die Bilder haben ihren Ort im Bild. Der Ort dieser Bilder ist imaginär. Hier sind also Bilder gemalt worden, um Bilder zu zeigen. Es gibt sogar eine Bank auf die man sich setzen könnte, um die Bilder anzuschauen. Aber auch das muss eine Vorstellung bleiben, denn man kann sich nur vorstellen, man sitze auf der Bank, um sich die Bilder anzuschauen."
Man sagt: "Offensichtlich ist der reale Raum nicht der geeignete Ort, die Bilder zu betrachten. Dieser reale Raum schien auch bereits nicht der richtige Ort zu sein um die Bilder zu malen. Die Bilder sind deutlich größer als dieser hier vorgefundene Raum um nicht zu sagen sie sind riesengroß."
"Der imaginäre Raum," sagt er, "ist auch wesentlich schlichter, die Wände sind, bis auf die Türöffnungen sehr geeignet um Bilder darauf zu malen. Das Gebäude scheint speziell nur für die Bilder da zu sein. Ein Haus für Bilder, eine doch sehr exklusive Vorstellung."
Man könnte erwidern: "Die Möglichkeiten des Bildnerischen sind sehr vielfältig, wie auch wieder beschränkt. Eine Möglichkeit ist ohne Zweifel die Eröffnung von Raum. Im Bilde lassen sich Räume auftun, mit schierer Leichtigkeit kaum gesehene Raumfluchten erschließen und all dies mit wenigen Mitteln, ein bisschen Farbe ist es, mehr nicht. Hat man sich nicht oft schon besorgt gefragt, wie viel Platz der Kunst heute eingeräumt wird, wie viel Raum ihr noch zugemessen wird? Die Bangigkeit dieser Frage muss auf den Fragenden zurückschlagen, dann, wenn er selber ein Künstler ist. Denn ein Werk, ein Kunstwerk räumt sich zuvörderst selber Platz ein. Ein Kunstwerk schafft sich seinen eigenen Raum, darin es erscheinen wird. Ein Werk eröffnet sich die Weite jener Gegend in der es zur Wirkung kommt."
Er sagt: "Das Bild also schafft sich Raum zuerst, um selber darin zu erscheinen. Die Freiheit seiner Möglichkeiten nutzt es zur Selbstbehauptung, man möchte fast sagen zur Erörterung seiner selbst. Darüber hinaus fällt die Zahl drei auf: Drei Bilder und in diesen die Entfaltung von drei Farben, das Grau könnte man als die Mischung dieser drei verstehen."
Man würde erwidern: "Auch hier ist eine Selbstbesinnung auf die eignen Mittel der Malerei wohl ausschlaggebend. Räumlichkeit in einem Bilde wird nicht der Schwerkraft abgerungen, so wie es die Architektur zu leisten hat. Nicht Mauern bilden einen Raum, sondern Abgrenzungen von Farben untereinander. Und so ist der vorgestellte Raum in drei Zonen, oder sagen wir ruhig drei Räume unterteilt, die lediglich durch eine unterschiedliche Farbgebung voneinander getrennt sind. Jede so erzeugte Räumlichkeit hat dann ihren eigenen Eingang und außerdem auch eine eigene Beleuchtung."
"An dieser Stelle," könnte der eine jetzt sagen, "muss ich aber doch auch von einer Beobachtung sprechen, die mich verwirrt, weil es mir nicht gelingen will die Betrachtung zu einem Abschluss zu bringen: Es fällt auf, dass die auf die Wände des Bildraumes angebrachten Malereien den gleichen Raum in unterschiedlichen Ansichten zeigen, in denen sie auch vorkommen. Die dargestellten Bilder betrachtend wird man auf jenen Raum verwiesen, bzw. zurückgeworfen, in dem man die Bilder betrachtet. Dieser Raum ist aber bereits ein Bild, nämlich jenes, das man -hat man es schon vergessen ?- auch betrachtet.
Dieses erste Bild aber, so wird es doch im Bild vorgeführt, eröffnet sich erst in diesem gezeigten. Die Bilder verschlucken sich gegenseitig. Mir scheint, es gibt keinen Anfang oder auch kein Außen bei den Bildern, es gibt keinen Betrachter vor dem Bild, wie ich mich eigentlich verstehe, sondern nur einen Betrachter im Bild. Abgesehen davon, dass ich im Bild nirgendwo einen Betrachter ausmachen kann, also die Gefahr des Selbstverlustes besteht, beunruhigt die zwiespältige Erfahrung, die an ein seltsames anderes Bild erinnert: Die Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beisst.
Man könnte darauf abschließend sagen: "Vielleicht ist die gängige Annahme irrig, man wäre hier und das zu Betrachtende und zu Erkennende böte sich uns im Abstand dort an. Es könnte vielmehr sein, dass das zur Betrachtung Angebotene nur gerade die Rückseite von einem selbst darstellt."
© Thomas Huber / Projektbeschreibung für drei Bilder in der Eingangshalle der Zürcher Kantonalbank, Bahnhofstrasse Zürich (Erstveröffentlichung an dieser Stelle)