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Jean-Hubert Martin |
Rede anläßlich der Ausstellung "Science-Fiction", Galerie Carré Cie, Paris, 18.05.-08.06.2006
Ein Dialog zwischen Science und Fiction über Thomas Huber.
F- Schreiben kann er, der Kerl!
S- Stimmt, aber ohne die Malerei machen die Texte keinen Sinn.
F- Na, da bin ich mir nicht so sicher, seine Texte sind weit mehr als reine
Beschreibungen. Sie haben eine literarische Eigenständigkeit und ihre
eigene narrative Qualität. Liest man sie, ohne das dazugehörige
Bild zu kennen, ist es schier unmöglich, es zu rekonstruieren
S- Handelt es sich nun um die Darlegung von Ideen, die für die Entstehung
bestimmend waren oder um Kommentare, die den Betrachter aufklären sollen
?
F- Selbst wenn seine Texte mit den allerersten Vorstellungen des Künstlers
übereinstimmen, fliegen sie schon bald wie ein Vogel davon. Sie gewinnen
Selbstständigkeit, machen ihre eigene Entwicklung durch, haben ihre eigene
Dramaturgie. Das gilt übrigens auch für die Bilder. Wenn Thomas
Huber einen Raum zeichnet, hat er weder eine Vorstellung davon, wie dieser
letztendlich aussehen wird, noch weiß er, welche Gegenstände ihn
bewohnen werden.
S- Das mag schon stimmen, aber bevor er die Dinge zeichnet, aus denen sich
sein Bild zusammensetzen wird, benennt er sie. Und diese vorhergehende Benennung
bietet Materie für einen Text.
F- Ah, jetzt weiß ich, worauf Sie hinaus wollen ! Sie wollen die alte
Debatte über die Vorrangstellung des Wortes vor dem Bild wieder aufnehmen.
Kurz : um die Henne und das Ei. Das Wort, das angeblich der bildlichen Umsetzung
vorangeht. Die fixe Idee vom Ursprung läßt Sie noch immer nicht
los ! Sprachen die Maler der Grotten von Lascaux oder der frisch entdeckten
Grotte von Chaumet in ihrem Volapük von " Pferd " oder von
" Bison ", bevor sie sie an die Wand malten ?
S-Ja, das ist eine wichtige Frage.
F-Nein, das ist ein Scheinproblem wie die meisten Fragen über den Ursprung.
Sie dienen nur dazu, Mythen zu schaffen, die sicher notwendig sind, um unsere
Gegenwart durch imaginäre Ausgangspunkte zu rechtfertigen. Wenn Thomas
Huber einen Kreis oder, in Perspektive ein Oval zeichnet, kann er es als Teller,
Platte oder Spiegel bezeichnen. In dem Moment, in dem er es zeichnet, legt
er sich noch nicht fest. Die Entscheidung fällt erst während der
Arbeit am Bild und trägt zum Lauf der Dinge bei (wie Fischli und Weiss
in ihrem Videofilm gezeigt haben), indem sie den Sinn des Ganzen oder zumindestens
die Beziehung der Gegenstände untereinander verändert.
S- Was für ein Unsinn, er muss doch wissen, was er tut. Er ist schließlich
der Autor. Sonst gäbe es ja kein künstlerisches oder literarisches
Schaffen mehr, da befänden wir uns ja ganz und gar im Determinismus !
F- So einfach ist das nicht. Es ist vielmehr eine Frage der Wechselwirkung,
die dem Werk eine gewisse Freiheit und Selbstständigkeit einräumt.
Im Künstler entsteht ein echtes visuelles Denken mit dessen Hilfe er
von ihm bis dahin unbekannte Räume und Formkombinationen entwirftft.
Die geistige Konzeption eines Raums und einer abstrakten Form entsteht ohne
Hilfe von Worten. Man denkt " Bison ", aber man denkt nicht "
Wand, Boden, Decke, Winkel, Grat, Licht
. ", wenn man sich einen
nicht existierenden Raum vorstellt. Die geistige Vorstellung funktioniert
schneller als die Benennung der Dinge. Was das Ganze angeht, so geben die
Begriffe " Saal, Zimmer oder Raum keinerlei Auskunft über deren
Eigenschaften. Diese kommen erst zum Vorschein, wenn sie gemalt sind, und
dann mit den unvermeidlichen Abweichungen von der ursprünglichen geistigen
Vorstellung. Die Räume im Bild existieren nur als Oberfläche, und
dennoch versetzen wir uns sofort in sie hinein. Der Betrachter schlendert
wie ein Spaziergänger durch diese Bildräume und entwickelt ein räumliches
Empfinden. Bei diesem Vorstoß sieht er sich selbst zu und wahrt so die
Distanz des Außenstehenden. Ganz im Gegensatz zur physischen Raumerfahrung
übrigens, in der die Präsenz des Raumes so intensiv ist, sich einem
so unweigerlich aufdrängt, dass zwischen dem Körper und seiner Umgebung
eine greifbare Beziehung entsteht. Hier aber bewahrt das Urteilsvermögen
seine Willensfreiheit. Es analysiert seine Beziehung zu diesem Innenraum,
sieht sich dabei jedoch von außen zu. Es ist außen und innen zugleich.
S- Ich finde das alles andere als klar. Die zweidimensionale Raumdarstellung
ist nur ein Abklatsch. Sie täuscht und kann die Wirklichkeit nicht ersetzen.
F- Ich glaube, Sie leben in einer euklidischen Welt mit kartesianischen Sorgen.
Dabei übersteigt doch das geistige Leben, das Künstler am Werk erfahrbar
machen, weit die von Ihnen beschworenen in sich geschlossenen Systeme.
Sie werden es mir kaum glauben, aber Thomas Huber projiziert sich nicht nur
in seine Malerei, er lebt wirklich darin. Für ihn gibt es keinen Unterschied
zwischen der dreidimensionalen Wirklichkeit, in der wir uns bewegen, und der
Wirklichkeit, die er in seinen Bildern darstellt. Wie könnte das auch
anders sein, wo er doch nur für die von ihm entworfene Stadt lebt : er
nährt und entwickelt " Huberville ". Er versteht Architektur
als Haut des Sozialkörpers, der wie der menschliche Körper altert,
sich regeneriert und stirbt.
S- Das alles ist doch bloß poetisches Gefasel. Wenn er versucht, in
eines seiner Bilder hineinzusteigen, dann gibt er höchstens einen schlechten
Lucio Fontana oder einen armseligen Saburo Murakami ab und wird schließlich
kleinlaut hinter dem Bild stehen.
F- Um seine Arbeit zu verstehen, müssen Sie wissen, woher er kommt. Er
hat ein schweres Familienerbe zu tragen, das wie bei den Schamanen die magischen
Kräfte, vom Vater an den Sohn weitergegeben wird. Sein Vater gehörte
zu den Schweizer Architekten, die sich sehr für Modernität eingesetzt
haben, als der wirtschaftliche Aufschwung kam, kämpften sie für
die Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung. Als Kleinkind
fiel er eines Tages in eine große blaue Farbtonne von BASF. Dieses besonders
intensive Blau, mit dem seine Eltern eine seiner Zimmerwände gestrichen
hatten, kam später zu Ruhm, als Yves Klein sie für seine IKB-Monochrome
verwendete. Die Erinnerung an diese Wand und an den Fall in den " Farbtopf
" ist in " 1954. Tokio " abgebildet, auf dem die Mutter in
Gesellschaft des Ehepaars Gropius und Charlotte Perriand zu sehen ist. Die
Erwachsenen waren so sehr ins Gespräch vertieft, dass sie alles um sich
herum vergaßen. Er wurde gerade noch rechtzeitig aus der Tonne gezogen
: Seine Eltern verloren darüber ihre Blauäugigkeit, und er war blau.
Das erklärt den erstaunten, fast verblüfften Blick, den er oft von
hinter seiner Brille auf die Geschehnisse in der Welt wirft.
S- Das war für den armen Jungen sicher ein traumatisches Erlebnis, das
kann ich verstehen, aber Sie wollen mir doch hoffentlich nicht einreden, dass
er sich dadurch in einen Asterix verwandelt hat !
F- Genau das will ich. Ich werde es Ihnen sogar beweisen. Thomas Huber ist
als Junge in den " Zaubertrunk " gefallen, und diese Kräfte
können Sie auch dazu benutzen, durch Bilder hindurch zu springen. Man
braucht nur das Kultbild von " Pierrot le Fou " nachzuahmen und
sich das Gesicht mit blauer Farbe zu bemalen.
S-Ich will mir gerne blaue Kriegsbemalung ins Gesicht schmieren, aber rechnen
sie nicht damit, dass ich zum Kamikaze werde. Ich habe nicht die geringste
Lust, mich in die Luft zu sprengen.
F- Jetzt, wo Ihr Kopf blau ist, treten Sie doch bitte näher an das große
Bild dort drüben heran, das auf der niedrigen Staffelei. Heben Sie einfach
den Fuß, um über die Schwelle zu treten und schon werden Sie mit
beiden Füßen im Bild stehen.
S- Das hätte ich nie für möglich gehalten ! Jetzt befinde ich
mich doch wirklich auf der anderen Seite des Spiegels. Ich habe mich immer
vor einer virtuellen Wirklichkeit gefürchtet und nun bewege mich in ihr,
ohne dass man meine Schritte vernimmt. Es herrscht eine seltsame Stille. Und
diese klangvolle Kälte steigert die Farbharmonien um so mehr ! Die Formen
und Farben zwingen sich einem mit einer Kraft, einer Präsenz auf, die
mir bis dahin völlig verborgen geblieben war. Was für ein zauberhafter
Anblick. Welche Fülle ! Alles im Raum ist aufeinander abgestimmt, er
ist mit Formen und Figuren gefüllt, die Sinn machen. Alles, was man braucht,
ist da. Der Künstler muss ja ein Gefühl der Erfüllung und Entfaltung
haben, das weit über alle Sehnsucht danach hinausgeht.
F-Ich glaube, da täuschen Sie sich. Zwar hat er hat eine Sprache mit
ihren Codes entwickelt, das ist richtig, aber jede neue Werkreihe bringt neue
Vorschläge und wirft neue Fragen auf. Früher spiegelten seine Bilder
oft sein Privatleben mit all seinen Höhen und Tiefen wider. Immer kamen
Kinder darin vor. Die neue Reihe, die er hier vorstellt, ist dagegen viel
unbeteiligter, im Großen und Ganzen viel abstrakter. Haben Sie bemerkt,
dass es fast die erste Werkreihe ist, die nicht von einer Rede begleitet wird
? Ist das Ausdruck der künstlerischen Reife? Die Werkreihe stellt ein
Museum des Raumes dar, in dem ein Saal in den anderen übergeht, jeder
hat seinen eigenen Charakter, seine räumliche Subtilität, einen
überraschenden Lichteffekt, erzeugt ein Spiel mit der Illusion. Stellen
Sie sich vor, Sie befinden sich nicht mehr nur in einem seiner Bilder, sondern
Sie gehen von Saal zu Saal, wie in einem großen Schloss, in dem der
Hausherr diesen unglaublichen Umgebungswechsel als spielerische Abfolge angelegt
hat.
Um stets Neues zu schaffen, muss der Künstler das Gefühl haben,
von der Perfektion noch weit entfernt zu sein. Jedes Mal, wenn sich Thomas
Huber in seiner Künstlerküche an die Arbeit macht, stellt er Farbtöpfe
und chemische Zutaten bereit, materialisiert Formen und perspektivische Linien
mit Hilfe von zahlreichen quer durch sein Atelier gespannten Schnüren.
Wenn er das Bild fertig gemalt hat, bleiben immer einige Striche und Linien
übrig, für die im Bild kein Platz mehr war. Sie liegen vor dem entstandenen
Bild wie Abfall. Er sammelt sie, um sie im nächsten Bild zu verwenden.
Ist das neue Bild aber fertig, bleiben wieder Zutaten übrig. Es ergeht
ihm wie Sisyphus oder anders ausgedrückt, er kennt das Problem des Pioniers
Camembert, der immer ein neues Loch graben musste, um die unvermeidbar überschüssige
Erde des letzten hineinzuschütten.
S- Der Künstler mag ja nach dem Modell des Pioniers Camembert funktionieren,
aber ich verlasse mich lieber auf den Gelehrten Cosinus. Er hätte vielleicht
das Geheimnis dieser Malerei entschlüsseln können, die Oberfläche
und Raum so überzeugend miteinander verbindet, dass ich mich darin bewegen
kann. Was auf den ersten Blick nur wie ein Spiel von Formen auf einer geschickt
angelegten Oberfläche wirkt, entpuppt sich als äußerst durchdachte
geometrische Konstruktion, die Tiefe herstellt.
F- Ja, der Künstler spielt ganz bewusst mit dieser Ambivalenz. Seit Sie
seinen Bildraum betreten haben, sind Sie zu einer seiner Figuren geworden,
die sich vom Hintergrund abheben. Sollten sich Cosinus und Camembert in Thomas
Hubers Malerei eingeschlichen haben ? Das Paar Figur/Grund tritt in zahlreichen
Bildern von ihm auf, wobei der Künstler im Allgemeinen als einfarbiger
Zwerg dargestellt wird. Er treibt die Metapher manchmal sehr weit, bezieht
sogar seine Familie in den Grund mit ein, vor dem sich die Figur des Künstlers,
wie ein einsamer Demiurg auf der Suche nach dem Absoluten, bewegt. Es gibt
ein Bild mit dem Titel " Ein schreckliches Bild " und das geht mir
nicht mehr aus dem Kopf. Es ist von verwirrender Schlichtheit und zeigt ein
Haus. Es erzählt die Geschichte des Malers, der seine Familie vier Jahre
lang in sein Bild eingesperrt hat. Über dem Sofa in seinemWohnraum hängt
ein Bild, auf dem das besagte Zimmer zu sehen ist mit einer Tafel an der Wand,
die von einem Ehestreit erzählt. Ist das nun Teufelsaustreibung oder
Schicksalsbeschwörung ? Sind diese beiden Beispiele nicht ein zusätzlicher
Beweis dafür, wie sehr er in seiner Malerei lebt ? Sogar seinen engsten
Familienkreis zieht er mit in den Abgrund, einen Abgrund aus wirklichen und
dargestellten ineinander verschachtelten Räumen.
S- Wieso beherrscht er die Perspektive so meisterhaft ?
F- Das hat er von seinem Vater. Schon als kleiner Junge half er ihm bei den
Entwürfen für Architekturwettbewerbe, die immer in Nachtschichten
fertiggestellt wurden. Sein Vater war ein Meister der Perspektive, und wie
jeder Künstler, der etwas auf sich hält, übertraf bald der
Schüler seinen Meister. Dazu kam noch, dass sein " anonymer "
Stil verglichen mit der bekannten Handschrift seines Vaters von den Jurymitgliedern
nicht ausgemacht werden konnte. Wir haben ja gesehen , dass er sich von klein
auf, in Malerei und Farbe wie ein Fisch im Wasser fühlte, bewegte und
so bewegt er sich geschickt an der Oberfläche und in der Tiefe. Er verfolgt
die moderne Tradition (oder Tradition der Moderne ?)und hat ganz wie seine
Vorgänger, einen Fuß im Zauber des Primitivismus, wie es ein Fensterkreuz
mit kabbalistischen Einsätzen offenbart. Den goldenen Schnitt und seine
Geheimnisse hat er schon mit der Muttermilch zu sich genommen. Deshalb nimmt
er sich so vor den Strategien und den Superstrukturen des Kunstmarktes in
Acht. Er ist ein Einzelgänger,der sich weit ab von modischen Strömungen
bewegt.Dazu gehört eine gesunde Portion Mut. Er zieht seine bescheidenen
kleinen Veröffentlichungen für Bibliophile den großen Katalogen
vor, die erlebte Erfahrung an der Kunst dem Studium der Reprodukionen in dicken
Ausstellungskatalogen.
S- Sie beschreiben ihn als marginal, als Außenseiter, aber er hat doch
die Themen seiner Zeit angeschnitten, wie zuvor schon die Konzeptkünstler
mit neuen Ausdrucksformen ?
F- Ja, aber das Besondere an ihm ist, dass er zutiefst daran glaubt, dass
Malerei Wissen, Kenntnisse vermittelt. Sie ist nicht nur Ausdruck von Trieben
oder geistigen Zuständen, wie das in Deutschland oft angenommen wird.
Diese Überzeugung übersteigt alle rationalen Erklärungen, ohne
ins Mystischeabzugleiten. Sie geht davon aus, dass Malerei über die Worte
hinaus Informationen und Wissen vermittelt. Es ist nur ein kleiner Schritt,
bis man an Thomas Hubers Geheimnisse glaubt, die von einer kleinen Kaste von
Kennern eifersüchtig gehütet werden. Sehen, betrachten, schätzen,
genießen - und schweigen. Denn der Künstler hat viel geredet, aber
in der Kunst hat man nie alles gesagt. Jetzt, wo er Worte und Randfiguren
verbannt hat, strebt er nicht danach, dem Wesentlichen noch näher zu
kommen, indem er uns eine neue Dimension eröffnet ?
Jean-Hubert Martin
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