Thomas Huber

Künstlermuseum (2)






(...) Die Sachen hätten ungeachtet ihrer Herkunft oder ihres Alters, sondern oft nur aus Gründen ähnlicher Größe nebeneinander in den Regalen oder Schränken gestanden, sagte der Größere. In den Kellern des Museums hätte es eine andere Ordnung gegeben, als in den Schausälen des Museums. Es wäre nicht unordentlich in den Kellern gewesen, es wäre dort nur eine andere Ordnung gewesen. Wo in den Schausälen des Museums die Sachen übersichtlich präsentiert gewesen wären, wären die Sachen im Keller unübersichtlich gelagert worden und diese Unübersichtlichkeit hätte ihnen so gut gefallen. Darum hätten sie sich so gerne in den Kellern aufgehalten.

Es hätten Skulpturen des 20igsten Jahrhunderts neben Büsten aus ganz anderen Zeiten gestanden. Es wäre sogar vorgekommen, dass Kunstwerke der gefährdeten Moderne genau im selben Regal neben Porträitbüsten jener fatalen Potentaten gestanden hätten, welche diese Moderne mit ihrem bösen Ingrimm verfolgt und zu verhindern versucht hatten. Man könnte sich vorstellen, sagte er, dass im Dunkel dieser Schränke eingeschlossen, zwischen Opfer und Täter eine furchtbare, eine unerträgliche Spannung sich aufgebaut hätte, ohne dass es jemand bemerkt hätte. Gewiss könnte man ihm widersprechen, es handele sich nur um stumpfes Material, das hier gelagert gewesen sei. Sie als Künstler wüssten aber, dass es beseeltes Material wäre, dass in den Schränken beseeltes Material, seliges und unseliges also, jahrelang zusammengestanden hätte, und dass es aus dieser unglücklich zu nennenden Zusammenstellung im Schrank im Nachhinein fast zu einer Katastrophe gekommen wäre. Er wolle nicht sagen, dass sich in einem Museum die Weltkatastrophe wiederholen könnte, aber es hätte immerhin in Analogie zu dieser Weltkatastrophe im Museum fast eine Kunstkatastrophe im Schrank des Museumskellers sich ereignet: "Wir haben," sagte er, "eine Vase, die man dem Augenschein nach dem Symbolismus hätte zuordnen können und die vorne auf dem Regalbrett stand, zur Betrachtung und zur Begutachtung, ob es sich wirklich um ein symbolistisches Kunstwerk handele, vorsichtig heruntergeholt.

Wir trugen im Museum immer weiße Handschuhe, um die Kunstwerke durch die möglicherweise schmutzigen Finger nicht zu gefährden. Die weißen Handschuhe sind mit kleinen Gumminoppen in den Handinnenflächen versehen, damit einem die festgehaltenen Kunstgegenstände nicht aus der Hand rutschen konnten. Beide haben wir immer ausgesehen, wie Disneys Mickey Mouse, wie zwei Mickey Mäuse sind wir mit unseren weiß leuchtenden Handschuhen in den dunklen Kellern herumgelaufen. Mit aller Vorsicht also und mit den weißen Handschuhen habe ich," sagte er, "die vermutlich symbolistische Vase vom vorderen Bereich des Regalbrettes weggehoben. Dahinter sahen wir jetzt eine Katze. Es war eine nur als scheußlich zu bezeichnende Darstellung eines einer Katze aus schwerem Steinguss. Plötzlich sank diese Höllenkatze hinten im Schrank nach unten, weil offensichtlich die hintere Halterung des Regalbrettes fehlte. Das Regalbrett mit der bösen Katze kippte mit dieser nach hinten. Das Gewicht der künstlerisch völlig wertlosen Katze war über all die Jahre allein von der symbolistischen und künstlerisch viel wertvolleren Vase gehalten worden. Die Katze fiel ins nächste Regalfach, dort wo sich der Grund des Falles, wie ich bereits angedeutet habe, über all die Jahre entwickeltangestaut hatte.

Hier hatte sich jene Spannung, jene unerträgliche ja katastrophale Spannung aufgebaut, die jetzt, in diesem Moment, sich vor unseren Augen entlud. Im Fach unter der Katze und der symbolistischen Vase stand eine Hitlerbüste, ein überlebensgroßer Kopf, flott und leicht expressionistisch in Ton geknetet und in schwarz patinierter Bronze abgegossen. Neben dem Hitler in die hintere Ecke des Schrankes abgedrängt leuchtete in zartem marmornen Weiß eine filigrane elegant geschwungene wunderschöne Skulptur eines weiblichen Körpers von Archipenko hervor. Latent immer bedroht von der bösen Katze über sich, aber noch hoffnungsloser der Hitlerbüste ausgesetzt, hatte es dieser zarte weibliche Torso von Archipenko also über all die Jahre in dieser unheilvollen Nachbarschaft aushalten müssen. Die Katze traf den Hitler hart am Kopf.

Die Bronze Dröhnte hohl von diesem unerwarteten Schlag. Der Hitler wankte, die Katze polterte neben ihm in die Tiefe des Schrankes hinunter und vor unseren entsetzten Augen kippte der Hitler langsam und zielstrebig auf den Archipenko zu. Er hätte ihn erschlagen, wenn nicht eine unserer fliegenden, Mickey Mouse Hände den Archipenko im letzten Augenblick schützend zur Seite gerissen hätte. Hitler fiel. Archipenko war gerettet." Im Schrank, im Keller des Museums hätten sie, sagte er im nachhinein nochmals die Moderne gerettet. Wie ein Schwarm aufgeschreckter Vögel wären dabei ihre weißen Mickey Mouse Hände im dunklen Keller herumgeflattert. Im Museum würde die Geschichte nicht nur aufbewahrt, im Museum gäbe es offensichtlich den Zwang, die Geschichte zu wiederholen. Im Museum müsste man die Moderne immer wieder retten, weil sich im Museum auch jene Geister eingeschlichen hätten, weil im Museum sich immer noch jene Geister herumtrieben, die einst die Moderne zu verhindern versucht hätten zu verhindern.

Es wäre nichts kaputtgegangen, nicht einmal die Katze hätte einen Kratzer abbekommen, und der Hitler aus Bronze wäre sowieso sehr resistent, sagte der Größere. "Wir haben die Sachen im Museum immer mit der größten Vorsicht behandelt. Wir haben immer die weißen Handschuhe getragen." Sie hätten in der ganzen Zeit nie etwas kaputt gemacht. Sie hätten sich immer an die Anweisungen der Restauratoren gehalten, jedenfalls fast immer an deren Anweisungen gehalten und nur jene Kunstwerke angefasst, die anzufassen ihnen die Restauratoren erlaubt hätten. Sie hätten sich an die Anweisungen gehalten, gewisse Kunstwerke nicht zu berühren, obwohl die Anweisungen sie irritiert hätten. Kunstwerke entstünden doch durch die Berührung von Künstlern. Jedes Kunstwerk wäre schließlich durch die Berührung von Künstlerhand entstanden. Er könne sich jedenfalls kein Kunstwerk vorstellen, das nicht durch Künstlerhand entstanden wäre und ihnen als Künstlern, ihnen also, die eine Künstlerhand hätten. Ihnen wäre von den Restauratoren, die kein Künstlerhand, sondern nur Restauratorenhände hätten, verboten worden, die Kunstwerke anzufassen. Es gäbe den Begriff und damit die Idee der Künstlerhand, es gäbe aber niemals den Begriff der Restauratorenhand, er hätte noch nie von der Restauratorenhand sprechen hören, aber schon oft von der Künstlerhand sprechen hören. Es gäbe keine Restauratorenhand und auch keine Magazinerhand obwohl beide natürlich Hände hätten, aber eben keine Hand, wogegen Künstler sowohl Hände hätten aber auch eine Künstlerhand hätten und somit mehrfach ausgestattet, prädestiniert wären die Kunstwerke anzufassen und aber gerade ihnen von den Restauratoren und Magazinern, die nur Hände hätten verboten worden wäre, die Kunstwerke anzufassen. Im Museum wären sie als Künstler als Gefahr für die Kunst angesehen worden. Wo sie außerhalb des Museums als Schöpfer der Kunst angesehen worden wären, wären sie im Museum zur Gefahr für die Kunst erklärt worden. Im Museum hätten sie den Eindruck gewonnen, dass das Museum die Kunst liebt, dass das Museum im Museum aber die Künstler hasst(...)


© Thomas Huber / Erstveröffentlichung in: Bogomir Ecker / Thomas Huber, "Künstlermuseum", museum kunst palast Düsseldorf, hrgb. v. Jean Hubert Martin, Düsseldorf 2001






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