(...) Die Sachen hätten ungeachtet ihrer Herkunft oder
ihres Alters, sondern oft nur aus Gründen
ähnlicher Größe nebeneinander in den Regalen oder
Schränken gestanden, sagte der Größere. In den
Kellern des Museums hätte es eine andere Ordnung
gegeben, als in den Schausälen des Museums. Es
wäre nicht unordentlich in den Kellern gewesen, es
wäre dort nur eine andere Ordnung gewesen. Wo in
den Schausälen des Museums die Sachen
übersichtlich präsentiert gewesen wären, wären die
Sachen im Keller unübersichtlich gelagert worden
und diese Unübersichtlichkeit hätte ihnen so gut
gefallen. Darum hätten sie sich so gerne in den
Kellern aufgehalten.
Es hätten Skulpturen des
20igsten Jahrhunderts neben Büsten aus ganz
anderen Zeiten gestanden. Es wäre sogar
vorgekommen, dass Kunstwerke der gefährdeten
Moderne genau im selben Regal neben Porträitbüsten
jener fatalen Potentaten gestanden hätten, welche
diese Moderne mit ihrem bösen Ingrimm verfolgt und
zu verhindern versucht hatten. Man könnte sich
vorstellen, sagte er, dass im Dunkel dieser
Schränke eingeschlossen, zwischen Opfer und Täter
eine furchtbare, eine unerträgliche Spannung sich
aufgebaut hätte, ohne dass es jemand bemerkt
hätte. Gewiss könnte man ihm widersprechen, es
handele sich nur um stumpfes Material, das hier
gelagert gewesen sei. Sie als Künstler wüssten
aber, dass es beseeltes Material wäre, dass in den
Schränken beseeltes Material, seliges und
unseliges also, jahrelang zusammengestanden hätte,
und dass es aus dieser unglücklich zu nennenden
Zusammenstellung im Schrank im Nachhinein fast zu
einer Katastrophe gekommen wäre. Er wolle nicht
sagen, dass sich in einem Museum die
Weltkatastrophe wiederholen könnte, aber es hätte
immerhin in Analogie zu dieser Weltkatastrophe im
Museum fast eine Kunstkatastrophe im Schrank des
Museumskellers sich ereignet: "Wir haben," sagte
er, "eine Vase, die man dem Augenschein nach dem
Symbolismus hätte zuordnen können und die vorne
auf dem Regalbrett stand, zur Betrachtung und zur
Begutachtung, ob es sich wirklich um ein
symbolistisches Kunstwerk handele, vorsichtig
heruntergeholt.
Wir trugen im Museum immer weiße
Handschuhe, um die Kunstwerke durch die
möglicherweise schmutzigen Finger nicht zu
gefährden. Die weißen Handschuhe sind mit kleinen
Gumminoppen in den Handinnenflächen versehen,
damit einem die festgehaltenen Kunstgegenstände
nicht aus der Hand rutschen konnten. Beide haben
wir immer ausgesehen, wie Disneys Mickey Mouse,
wie zwei Mickey Mäuse sind wir mit unseren weiß
leuchtenden Handschuhen in den dunklen Kellern
herumgelaufen. Mit aller Vorsicht also und mit den
weißen Handschuhen habe ich," sagte er, "die
vermutlich symbolistische Vase vom vorderen
Bereich des Regalbrettes weggehoben. Dahinter
sahen wir jetzt eine Katze. Es war eine nur als
scheußlich zu bezeichnende Darstellung eines einer Katze
aus schwerem Steinguss. Plötzlich sank diese
Höllenkatze hinten im Schrank nach unten, weil
offensichtlich die hintere Halterung des
Regalbrettes fehlte. Das Regalbrett mit der bösen
Katze kippte mit dieser nach hinten. Das Gewicht
der künstlerisch völlig wertlosen Katze war über
all die Jahre allein von der symbolistischen und
künstlerisch viel wertvolleren Vase gehalten
worden. Die Katze fiel ins nächste Regalfach, dort
wo sich der Grund des Falles, wie ich bereits
angedeutet habe, über all die Jahre entwickeltangestaut
hatte.
Hier hatte sich jene Spannung, jene
unerträgliche ja katastrophale Spannung aufgebaut,
die jetzt, in diesem Moment, sich vor unseren Augen
entlud. Im Fach unter der Katze und der
symbolistischen Vase stand eine Hitlerbüste, ein
überlebensgroßer Kopf, flott und leicht
expressionistisch in Ton geknetet und in schwarz
patinierter Bronze abgegossen. Neben dem Hitler in
die hintere Ecke des Schrankes abgedrängt
leuchtete in zartem marmornen Weiß eine filigrane
elegant geschwungene wunderschöne Skulptur eines
weiblichen Körpers von Archipenko hervor. Latent
immer bedroht von der bösen Katze über sich, aber
noch hoffnungsloser der Hitlerbüste ausgesetzt,
hatte es dieser zarte weibliche Torso von
Archipenko also über all die Jahre in dieser
unheilvollen Nachbarschaft aushalten müssen. Die
Katze traf den Hitler hart am Kopf.
Die Bronze
Dröhnte hohl von diesem unerwarteten Schlag. Der Hitler
wankte, die Katze polterte neben ihm in die Tiefe
des Schrankes hinunter und vor unseren entsetzten
Augen kippte der Hitler langsam und zielstrebig
auf den Archipenko zu. Er hätte ihn erschlagen,
wenn nicht eine unserer fliegenden, Mickey Mouse
Hände den Archipenko im letzten Augenblick
schützend zur Seite gerissen hätte. Hitler fiel.
Archipenko war gerettet." Im Schrank, im Keller
des Museums hätten sie, sagte er im nachhinein
nochmals die Moderne gerettet. Wie ein Schwarm
aufgeschreckter Vögel wären dabei ihre weißen
Mickey Mouse Hände im dunklen Keller
herumgeflattert. Im Museum würde die Geschichte
nicht nur aufbewahrt, im Museum gäbe es
offensichtlich den Zwang, die Geschichte zu
wiederholen. Im Museum müsste man die Moderne
immer wieder retten, weil sich im Museum auch jene
Geister eingeschlichen hätten, weil im Museum sich
immer noch jene Geister herumtrieben, die einst
die Moderne zu verhindern versucht hätten zu verhindern.
Es wäre nichts kaputtgegangen, nicht einmal die
Katze hätte einen Kratzer abbekommen, und der
Hitler aus Bronze wäre sowieso sehr resistent,
sagte der Größere. "Wir haben die Sachen im Museum
immer mit der größten Vorsicht behandelt. Wir
haben immer die weißen Handschuhe getragen." Sie
hätten in der ganzen Zeit nie etwas kaputt
gemacht. Sie hätten sich immer an die Anweisungen
der Restauratoren gehalten, jedenfalls fast immer
an deren Anweisungen gehalten und nur jene
Kunstwerke angefasst, die anzufassen ihnen die
Restauratoren erlaubt hätten. Sie hätten sich an
die Anweisungen gehalten, gewisse Kunstwerke nicht
zu berühren, obwohl die Anweisungen sie irritiert
hätten. Kunstwerke entstünden doch durch die
Berührung von Künstlern. Jedes Kunstwerk wäre
schließlich durch die Berührung von Künstlerhand
entstanden. Er könne sich jedenfalls kein
Kunstwerk vorstellen, das nicht durch Künstlerhand
entstanden wäre und ihnen als Künstlern, ihnen
also, die eine Künstlerhand hätten. Ihnen wäre von
den Restauratoren, die kein Künstlerhand, sondern
nur Restauratorenhände hätten, verboten worden,
die Kunstwerke anzufassen. Es gäbe den Begriff und
damit die Idee der Künstlerhand, es gäbe aber
niemals den Begriff der Restauratorenhand, er
hätte noch nie von der Restauratorenhand sprechen
hören, aber schon oft von der Künstlerhand
sprechen hören. Es gäbe keine Restauratorenhand
und auch keine Magazinerhand obwohl beide
natürlich Hände hätten, aber eben keine Hand,
wogegen Künstler sowohl Hände hätten aber auch
eine Künstlerhand hätten und somit mehrfach
ausgestattet, prädestiniert wären die Kunstwerke
anzufassen und aber gerade ihnen von den
Restauratoren und Magazinern, die nur Hände hätten
verboten worden wäre, die Kunstwerke anzufassen. Im
Museum wären sie als Künstler als Gefahr für die
Kunst angesehen worden. Wo sie außerhalb des
Museums als Schöpfer der Kunst angesehen worden
wären, wären sie im Museum zur Gefahr für die
Kunst erklärt worden. Im Museum hätten sie den
Eindruck gewonnen, dass das Museum die Kunst
liebt, dass das Museum im Museum aber die Künstler
hasst(...)
© Thomas Huber / Erstveröffentlichung in: Bogomir Ecker / Thomas Huber, "Künstlermuseum", museum kunst palast Düsseldorf, hrgb. v. Jean Hubert Martin, Düsseldorf 2001