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Thomas Huber
Miniaturen (1) |
Nein. Sie können das Bild nicht sehen. Auf keinen Fall können Sie das Bild sehen. - Warum kann ich das Bild nicht sehen? - Sie würden es so schnell anschauen. Das würde mich bekümmern. Sie würden das Bild, für dessen Herstellung ich so lange gebraucht habe, so schnell anschauen. Sie würden mit einem Blick erfassen, wofür ich fast ein Leben gebraucht habe, ja ein Leben. Sie würden mein Leben so weggucken, so ganz schnell weggucken. Das wäre mir unerträglich. Nein, sie können das Bild nicht sehen.
Die Schauseite des Bildes wäre eine Unverschämtheit, sagte er, die Schauseite des Bildes wäre eine Schamlosigkeit ohne gleichen.
Es gibt keine künstlerische Krisen, es gibt nur Krisen des Lebens.
In dem Moment, wo ich mir meines Besitzes so sicher bin, muß ich ihn verbreiten. Das liegt weniger an mir, als an dem Besitz selbst. Er verlangt danach.
Ein Weltentwurf ist an seinen Rändern rot. Von Schamröte eingesäumt.
Mein Bild ist doch nichts Weiteres als die Vergrößerung meiner Hautoberfläche. Mein Körper soll größer werden, seine Oberfläche soll um vieles zunehmen. Mit wachsendem erotischen Verlangen schmiege ich mich malend an den Körper der Welt.
Die Welt wird geschaut, doch sie schaut nicht zurück. Ich sehe die Welt, aber sieht sie mich?
Die Oberflächen der Bilder sind unserer Haut sehr gleich, und das Zeigen erinnert sogar an das Entblößen der eigenen Nacktheit.
Bilder betrachtend, begegnen wir dem Rätsel.
Was am Abbild geschieht, soll sich am Urbild vollziehen. (Der Analogiezauber)
Die Wasserfläche als gleichnishafter Ort, wo eine Bedingung beginnt und eine andere aufhört zu sein. Grenze zwischen Wasser und Luft, Berührungsebene zweier Reiche. Dort sehe ich die Bilder.
Der Bildraum als Erlebnisraum, als Lebensraum, kann nicht Objekt unseres Begreifens sein. Vielmehr werden wir von so einem Raum ergriffen. Er eröffnet sich uns - wir tauchen in ihn hinein.
Die Sonne ist unbedingte Voraussetzung, daß wir die Bilder schauen. Mir will scheinen, die Bilder wenden ihr Gesicht stets zur Sonne.
Das Bild hat seinen Ort im Bild.
Mir ist es gelungen, das Bild als Diffusionsschicht zu erfinden. Es ist eine Osmosemembran, Durchlaßschicht. Hier drängt etwas hindurch, das sich austretend, eintretend verändert.
Wenn der Maler spricht, hört man zu und hört man weg.
Dem Bild eignet ein melancholisches Verhältnis zur Welt. Nur noch sichtbar sind die Dinge, nun aus ihrem einstigen Einssein von Sein und Schein gestürzt. Bilder verweisen auch immer auf den Verlust dessen, was sie uns vor Augen führen.
Viel Worte werden um Bilder gemacht. Die Bilder aber schweigen.
© Thomas Huber / Auszüge aus verschiedenen Publikationen
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