Thomas Huber

Kabinett der Bilder (1)






Seit dem 4. September zeigt das Aargauer Kunsthaus in Aarau/CH eine Übersicht über das Schaffen von Thomas Huber unter dem Titel 'Das Kabinett der Bilder'. Die Ausstellung ist anschließend im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam/NL sowie im Kaiser Wilhelm Museum und Haus Lange Krefeld/D zu sehen. Der folgende Text resümiert die 20 jährige Arbeit an Bildern und erlaubt einen Einblick in die Konzeption und Vorbereitungen zu dieser Ausstellung.



1982, zum Ende meiner Studienzeit stellte ich am Rundgang der Düsseldorf mein Bild "Rede über die Sintflut" vor. Das Bild zeigt die Turnhalle des Gymnasiums in Zürich, wo ich meine Schulzeit durchstand und schließlich mit der glücklich bestandenen Matura verließ. Diese Turnhalle war Teil einer verwinkelten Anlage von Gebäuden hinter der Bahnhofstrasse mitten im Zentrum von Zürich. Sie befand sich an der Rückseite eines massiven Schulgebäudes aus der Gründerzeit und schloss direkt an die St. Annakapelle an, eine kleine Restkirche, die einmal zu einem Kloster gehörte. Die Kapelle war auf einem kleinem Grundriss erbaut und stieg über eine massige Empore unverhältnismäßig in die Höhe. Die großen und dominanten Geschäftshäuser rundherum ließen der Kapelle kaum Platz und ließen nur spärliches Licht durch zwei in dunklem Glas gefasste pseudogotische Fenster ins Kircheninnere sickern. Die Kapelle hatte auch einen Zugang zur Turnhalle. Dafür musste man an den Umkleideräumen für Buben und Mädchen vorbei. In der Kapelle roch es darum immer etwas nach kleinem Kinderschweiß. Der Übergang von der Kapelle zur Turnhalle wurde nur bei größeren Feiern der Schule geöffnet. Nach dem einführenden Gottesdienst, gingen die Eltern und Anverwandten durch diese Türe in die angrenzende Turnhalle. Diese konnte für solche Anlässe in einen Veranstaltungssaal mit Bühne umgewandelt werden. Dort führten wir dann der versammelten Elternschaft ein Theaterstück vor oder sangen im Chor. Die Fenster des Turn- oder Theatersaales öffneten sich auf einen großen Innenhof, der von einem Hotel umgrenzt wurde. Während dem Frühturnen am Morgen konnten wir durch die großen Fenster das Aufstehen der Hotelgäste beobachten. Viel Spaß machte es auch, beim Ballspiel den Ball mit aller Kraft gegen die Verbindungstür zur Kapelle zu schießen. Das Echo seines Aufpralls, das aus dem Kircheninnern durch die Tür herüberdonnerte, war phänomenal.

Rede über die Sintflut - © Thomas Huber / VG Bildkunst
Rede über die Sintflut - © Thomas Huber / VG Bildkunst


Diese seltsame Turnhalle mit ihren überraschenden Nachbarschaften hatte ich als Ort gemalt, um darin, vor versammeltem Publikum, über die Sintflut zu reden. Verschiedene Dinge, Bilder, Modelle, Installationen u.a.m. waren im Raum aufgebaut. Sie sollten dem Publikum zur Anschauung meiner in der Rede geäußerten Gedanken dienen. Meine Rede hielt ich frei, ich hatte mir lediglich einige Stichworte aufgeschrieben. Einen Anzug, aus der Zeit, als ich noch zuhause wohnte und meine Mutter mir meine Kleider einkaufte, hatte ich unter meinen alten Sachen gefunden. Ich trug ihn um die Förmlichkeit meines Auftrittes zu unterstreichen. Er war hellgelb, aus synthetischer Faser, bügelfrei und zu eng geworden.

Die "Rede über die Sintflut" steht am Anfang meiner künstlerischen Äußerung. Das vorgestellte Bildrepertoire sowie die Herausstellung eines Bildes in einer begleitenden Rede ist bis heute als Bildprogramm und Haltung verpflichtend geblieben.

Nach über zwanzig Jahren, seit der Uraufführung der "Rede über die Sintflut" wird ein Überblick über mein Schaffen seit diesem ersten Auftritt, damals in der Aula der Kunstakademie, gegeben.

Die "Rede über die Sintflut", das erste Bild, gibt mir die Gelegenheit hier zwei Grundzüge meiner Bildauffassung darzulegen, die bis zu den Bildern heute Gültigkeit behalten hat. Das Folgende ist als kritischer Überblick und Bestandsaufnahme des eigenen Werks aus Sicht des Autors zu verstehen. Es kann auch dazu dienen, den für die Ausstellung Verantwortlichen einen Überblick über mein Schaffen zu geben und möglicherweise Anlass sein, um zu einer eigenen Einschätzung zu kommen.

Es wird hier also zuerst ein nachdenkliches Resumée gegeben. Dieses steht natürlich besonders unter der Frage, wie meine Bilder aus unterschiedlichen Zeiten in einer Ausstellung präsentiert werden sollten. Denn bisher wurden sie immer in einem inhaltlichen Werkzusammenhang aus einem Zeitabschnitt gezeigt. Meine Bilder habe ich also bisher ausschließlich thematisch vorgestellt.

Am Schluss meiner Ausführungen werde ich darum meinen Vorschlag, wie eine Auswahl von Bildern aus unterschiedlichsten Zeiten in einem diese allumfassenden Bild, zusammengefasst werden sollen, vorstellen.


Das Bild ist ein Ort

Eine verbindliche Äußerung, eine Mitteilung bedarf meines Erachtens eines verifizierbaren Ortes, von wo aus sie gemacht wird. Mit der Angabe des Ortes verrät die Mitteilung auch ihre Voraussetzungen, ihre Möglichkeiten und Grenzen. Einer Aussage geht also eine Orientierung voraus, es geht um Wahl des Standpunktes, des Standortes. Eine künstlerische Äußerung muss zum einen ihren Ort finden, zum anderen aber in einem glücklichen Moment der Selbstdurchsichtigkeit bewusst werden, dass dieser Ort sehr individuell immer schon gegeben war. Die Feststellung dieses Ortes oszilliert also auch im Widerstreit zwischen Freiheitsvorstellungen und biografischer Begrenztheit.

Die Turnhalle meiner Schule, die gleichzeitig auch zum Bühnenraum umgestaltet werden konnte, die seltsam überraschende Nachbarschaft zum Klerikalen, die Möglichkeit des Voyeurismus angesichts der gegenüberliegenden Hotelzimmer und die Duftmischung von Schulstaub, Turnhallengeruch und Kirchenmuff waren für mich als nicht überschaubares und auch nicht begreifbares Labyrinth an Architekturen und Eindrücken der ideale Ort zur Äußerung meiner persönlichen Offenbarungen. Die grundlegende Kenntnis des Ortes gab mir genügend Selbstvertrauen ihn zu malen. Die Wahl dieses Ortes erlaubte mir auch eine sachliche Darstellung im Bilde, ohne je etwas erfinden zu müssen.

Ob es zu einer Zeit opportun ist, Bilder zu malen, Malerei also angesagt ist oder nicht, spielt bei der Wahl des Mediums keine Rolle. Es wird nie mehr selbstverständlich und ungefragt möglich sein Bilder zu malen. Den zureichenden Grund sich Pinsel und Leinwand anzuschaffen muss jeder heute für sich selber immer wieder und jedes Mal aufs neue erfinden. In der Kunst ist nichts mehr selbstverständlich.

In der Zeit bevor ich das Bild "Rede über die Sintflut" schließlich malte, fertigte ich viele Entwürfe für ein Rednerpult an. Ich machte Pläne und Modelle, ich absolvierte sogar einen Schreinerkursus. Ich füllte viele Skizzenbücher mit Konstruktionen für eine neue Arche, ich entwarf Schautafeln für einen Vortrag und machte Notizen für meine Rede, die die Welt retten sollte. Und vor allem suchte ich in Düsseldorf den geeigneten Raum um mich dort an das zu rettende Publikum zu wenden. Dann kam mir das Bild der Turnhalle in Zürich in den Sinn. Das Bild der Halle vor Augen war eine Offenbarung! Ich würde meine Rede im Bild halten, ich würde alle in vielen Skizzen vorbereiteten Utensilien zur Veranschaulichung meiner Rede ins Bild, d.h. in diese Halle malen und es müsste mir doch gelingen, mit bester Redekunst auch das Publikum schließlich in das Bild hinein zu reden!

Nein, kein Raum irgendwo, ob nun in Zürich, Düsseldorf oder woanders. Keine riesigen, sperrigen Aufbauten, keine Schreinerarbeiten, sondern ein Bild davon. Ein Bild, gemalt. Die Botschaft sollte vom Bild ausgehen.

Es war als hätte ich das Bild als Ort einer wichtigen und künstlerischen Mitteilung an die Welt neu erfunden. Ich hatte das Bild als jenen Ort gefunden, von wo aus die Welt zu retten war. Hier würde ich meine "Rede über die Sintflut" den Menschen nahe bringen.

In dieser Rede bzw. dem Bild wird eine Bildauffassung postuliert, die auch für mein ganzes späteres Bilderschaffen verpflichtend sein wird: Das Bild ist ein Ort. Der Ort ist ein Übergang eine Grenze, eine Schwelle. Diese Schwelle überschreitend geschieht eine Wandlung. Der Ort, das Bild, eine Fläche öffnet sich zum Raum. Das Bild ist jener Ort, da sich Raum, der Bildraum eröffnet. Entgegen der physikalischen Raumvorstellung, die den Ort (den Punkt ) im Raum definiert, ist hier der Ort die ausgezeichnete Stelle, an der erst sich Raum auftut. Heidegger gibt der alten Idee des genius loci in seiner Schrift "Bauen, Denken, Wohnen" mit eben dieser Raumauffassung eine neue Deutung. Ich habe diesen Text erst viel später mit viel Begeisterung gelesen. Albrecht Dürer spricht von seinen Zeichnungen als Riss (wir kennen das Wort noch als Grundriss, Aufriss) Die geschlossene Oberfläche des Bildes wird aufgerissen, zur Tiefe, Bildtiefe zum Raum geöffnet. Der Bildraum ist eine zu entdeckende, sich offenbarende Weite hinter einer Oberfläche. Diese Welt kann nur an einem ausgezeichneten, sich offenbarendem Ort erschlossen werden: Es ist das Bild.


Der Bildraum

Bereits die "Rede über die Sintflut" wurde nach den Gesetzen der angewandten Perspektive konstruiert. In der "Rede in der Schule" dann, werden diese Gesetze deutlich reflektiert und als sichere Orientierung erkannt mit deren Gesetzmäßigkeiten es möglich wird, sich im Bildraum zweifelsfrei und präzise zu bewegen. Darüber hinaus wird in der perspektiven Darstellung des Kreises mittels der Schnitte durch den Kreiskegel (es handelt sich um eine Besonderheit der theoretischen Perspektive und ist außerdem die Grundlage für die Kurvendiskussion) ein präzises Instrument gefunden, zwischen Realraum und Bildraum zu vermitteln (siehe dazu "Zum Gesicht" und "Rede in der Schule"). Die Perspektive wird nicht als Mittel verstanden ein plausibles Abbild einer gegebenen Situation oder eines architektonischen Vorhabens nach Plan zu erstellen. Sie dient vielmehr dazu einen kalkulierbaren Übertritt in die Bildwelt zu konstruieren und dort dann im Bildraum die Gewähr für eine maßverbindliche Orientierung zu geben.

Der "andere" Raum, der Bildraum, wird also mittels geometrischer Prinzipien präzise vermessen. Bereits in der "Rede in der Sintflut" wird dem Redner eine Seife vorgelegt und in einem Eimer wird Wasser heiß gemacht und die Anordnungen werden erklärt. Erste physikalisch chemische Versuchsanordnungen sind also bereits installiert. Solche Demonstrationen werden in späteren Bildern präzisiert und ausgeweitet (Rede in der Schule, Ein öffentliches Bad für Münster, Der Besuch im Atelier, Wasser Salz und Bilder, Die Ausstellung, Die Bank - eine Wertvorstellung). Der Bildraum kann nun auch klimatisch physikalisch bestimmt und beeinflusst werden: Die Ideale Bildtemperatur, die klimatischen Bedingungen im Bildraum, die Dichte des Bildraums, der osmotische Druck an der Bildoberfläche (Die Bibliothek). Die vielfachen Verweise auf chemische und physikalische Vorgänge und Gesetzmäßigkeiten sind oft in Anlehnung an alchemistische Vorstellungen der ausdrückliche Versuch in Metaphern eine andere Beschreibung und Reflexion malerischer Probleme zu erörtern und sie zu lösen. Es geht darum, dem Herstellen von Bildern klare Handlungsanweisungen und Parameter für ein maßgenaues Arbeiten, sowie schließlich ein gutes Ergebnis zu ermöglichen.

Der so erschlossene und auch bestimmte Bildraum ist in der "Rede über die Sintflut" ein Ort für eine wesentliche, eine wichtige Mitteilung - die Rede. Ich lud damals mit einem Plakat, das die Rede ankündigte, in die Aula der Kunstakademie ein. Diese Rede umkreist ein Heilsversprechen. Das Versprechen, so sagt die Rede, wird sich im Bildraum einlösen. Der Bildraum ist der Ort der Erlösung der Welt.

Die Ankunft dieses Heils, die Rettung der Welt, wie in der "Rede über die Sintflut" versprochen, wird in den folgenden Bildern in unterschiedlichen Visionen immer wieder ausgesprochen. Voraussetzung für eine dergestalte Offenbarung ist der nach den gefundenen Regeln erschlossene Bildraum (Der Besuch im Atelier, Das Hochzeitsfest, Ein öffentliches Bad für Münster, Die Ausstellung, Jakobs Traum). Die Rettung kann nur im Bild geschehen.

Die Heilsbotschaft, bzw. deren reale Einlösung im Bildraum, formuliert sich in unterschiedlichen Bildern bzw. Metaphern. In der "Rede über die Sintflut" ist es der neu gewonnene liebevolle Blick auf die Welt. Voraussetzung für diesen Blick ist die Übereinkunft. Vor allem in den darauf folgenden Bilder, "Rede in der Schule" und "Das Hochzeitsfest", wird das Bild als Gemeinplatz festgestellt. Die eigentlich innerbildliche Komponente, die Komposition des Bildes wird als sinnvolle Komposition derjenigen zueinander gedeutet, die gekommen sind, das Bild zu sehen. Der Bildentwurf meint die gelungene Form, in der sich die Betrachter, die Bildinteressenten vor dem Bild zusammenfinden. Die Betrachter, so sie den Bildraum in der "Rede über die Sintflut" erreichen, werden im Formvorschlag der Arche als Gemeinheit gerettet. In der "Rede zur Schöpfung" erklärt der Redner die anwesenden Zuschauer, jeden von ihnen als Baum und fügt sie im gezeigten Bild zum dunklen und still unergründlichen Wald zusammen. Im "Hochzeitsfest" werden sie als Gäste an einer eigens für sie eingerichteten Tafel im Bildraum empfangen und in dieser communio in der Solidarität mit dem Hochzeitspaar ihrer Formvollendung zugeführt. Im öffentlichen Bad für Münster wird, in Anlehnung an die Sozialutopie der Wiedertäufer dort, die gemeinsame Bildbetrachtung als kollektives Bad, als Eintauchen in ein besseres Bild der Welt vollzogen, aus dem, wieder hervorgetaucht, die Menschen zu neuen Menschen geworden sind.

Im Gegensatz zu religiösen oder psychologischen Heilsversprechen geschieht die Erlösung nicht rituell oder gruppendynamisch, sondern vollzieht sich nachmessbar geometrisch und absolut formal. Es wird also weder religiös ein Glaube gefordert, noch werden psychische oder soziale Verhärtungen zuerst aufgeweicht. Es reicht aus, das Bild in seiner Vorführung zu sehen. Der Sehvorgang allein, weil er im Bild mitbedacht und kalkuliert ist, führt zur Erlösung. Das Bild heilt. (Ähnlich hilft z.B. Aspirin gegen Kopfschmerzen. Man muss seine chemische Zusammensetzung nicht verstehen, auch muss man nicht daran glauben, um geheilt zu werden. Ähnlich wirken homöopathische Mittel, mit der Einschränkung, dass man keinen Kaffee oder Pfefferminztee trinken soll, weil das die Wirkung der Mittel zunichte machen kann. In Anlehnung an diese Einschränkung, rate ich einem Bildbetrachter, der eine Heilungserwartung mit der Bildbetrachtung verbindet, keine philosophisch ästhetischen Schriften zu lesen bzw. mich zu kontaktieren, welche Schriften er ohne schädliche Nebenwirkungen lesen kann).


>> Fortsetzung: Kabinett der Bilder (2)



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