Thomas Huber

Das Künstlermuseum (1)






"Es kommt keiner," sagte einer der beiden Männer als ich an ihnen vorbeiging. Die beiden saßen eng aneinander gerückt auf einer Bank neben dem Eingangsportal des Museums. "Ich sage Dir, heute kommt keiner," wiederholte sich der Größere der beiden. "Nein," erwiderte der kleinere, "siehst Du nicht, hier kommt jemand." Er wandte sich mir zu und sagte: "Kommen Sie, das Museum ist offen. Sie können das Museum besichtigen, es ist offen!" Der Kleine saß ganz rechts, am äußersten Rand der Bank, sein größerer Nachbar hatte sich dicht an seine Seite gedrängt, so dass man fürchten musste, der Kleine könnte jeden Moment von seinem Platz auf der Bank seitlich herunterfallen.

Ich hatte nicht die Absicht ins Museum zu gehen. Allein mein Arbeitsweg führte mich jeden Tag über den weiten Hof der ausgedehnten Museumsanlage, die sich etwas abseits der belebten Innenstadt befand. Seit längerem schon waren mir die älteren Herrschaften aufgefallen, die am oberen Absatz der Freitreppe zum Museum auf ihrer Bank neben dem Eingang saßen. Sie saßen dort immer in derselben Konstellation: Der Kleine gefährlich nah am Rand, der Große dicht neben ihm. Beide waren sie eingehüllt in dunkle Mäntel. Ob es warm war oder kalt war, sie hatten immer ihre dicken Mäntel an. Selten traf ich einen Menschen auf meinem Wegstück durch das Museumsareal. Manchmal nur trabte ein einsamer Läufer an mir vorbei. Er umrundete das große Wasserbecken in der Mitte des Hofes, lief durch das dreiteilige Tor am Ende der Gebäudeanlage und verschwand dahinter in Richtung des nahe gelegenen Rheins.

Ich hatte noch nie jemanden gesehen, der ins Museum gegangen wäre. Ich hatte auch noch nie jemanden gesehen, der aus dem Museum herausgekommen wäre. Das Museum schien geschlossen zu sein. Ich hatte mir darüber aber keine weiteren Gedanken gemacht. Auf mich machen alle Museen den Eindruck, als ob sie geschlossen wären. In meiner Vorstellung sind Museen immer geschlossen. Museen machen auf mich den Eindruck, dass sie zwar einmal offen waren, jetzt aber geschlossen sind, seit längerer Zeit schon geschlossen sind. Dieses Museum war lediglich ein Teil meines Weges zur Arbeit. Die langgestreckten, niedrigen Fassaden mit denn blinden Fenstern zum Innenhof machten einen schläfrigen, fast abweisenden Eindruck auf mich. Ich durchquerte darum den großzügig angelegten Innenhof immer auf dem kürzesten Weg, um wie die Läufer die Anlage durch das Tor am anderen Ende so schnell als möglich wieder zu verlassen. Die beiden Männer waren mir seit längerem aufgefallen und ich fragte mich, ob sie schon immer dort am Eingang des Museum gesessen haben. Meine Neugierde veranlasste mich darum einen kleinen Umweg zu machen, um näher an den beiden vorbeizukommen.

Sie bemerkten sofort meine Absicht und wie ich nahe genug war, sprachen sie mich sofort an: "Besuchen Sie das Museum! Kommen Sie, das Museum ist offen!" Vor das Eingangsportal hinter ihrem Rücken hatte der Wind einen großen Haufen alten Laubes zusammen geweht. Einzelne, schon dunkelbraun vertrocknete Laubblätter wurden von immer neuen Windstössen hochgewirbelt, stiegen am geschlossenen Portal hoch und sanken dann wieder matt auf ihren Haufen zurück. "Wir haben das Museum eingerichtet," sagte der Kleine eifrig, "wir haben das gemacht. Wir sind Künstler. Wir haben als Künstler das Museum eingerichtet. Sie müssen sich unser Museum anschauen." Der Große nickte bestätigend und schaute mich erwartungsvoll an.

Mir fiel auf, dass die beiden, wie sie mit mir redeten, unentwegt in die Mitte des Hofes blickten und dem Portal hinter ihrem Rücken keinen Blick gönnten, als wollten sie den Laubhaufen davor demonstrativ ignorieren. Im großen, als Kreis ausgelegten Wasserbecken vor ihnen hatte sich ebenfalls Laub angesammelt. Wasser war dort schon lange nicht mehr eingelassen worden. Eine Plastiktüte hatte sich in der Mitte des Beckens am Auslaß für die Wasserfontäne verfangen und raschelte laut bei jeder neuen Windböe, die über den Hof strich. "An der Eröffnung des Museums funktionierte die Fontäne," sagte der Größere, der meinem Blick auf das leere Becken gefolgt war. "Sie wurde noch in der Nacht vor der großen Eröffnung von einem Einsatztrupp der Stadtwerke in Gang gesetzt. In der Nacht noch haben sie den halben Hof aufgegraben, um das Zuleitungsrohr zu finden und dann zu reparieren. Und am Morgen der Eröffnung funktionierte die Fontäne. Riesig stand sie im Hof. Es war ein Ereignis. Die Eröffnung des Museums war ein Ereignis."

Das Museum wäre ja lange Zeit verwaist gewesen, fuhr er fort. Mit einer freundlichen Geste lud er mich ein neben sich Platz zu nehmen. Ich zögerte kurz und nahm dann doch, neugierig auf die beiden älteren Herren geworden, neben ihnen Platz. Das Museum hätte geschlafen, ergänzte ihn jetzt der andere. Niemand mehr hätte das Museum besucht. Keiner hätte sich mehr für das Museum interessiert. Jedermann in der Stadt hätte zwar das Museum gekannt, hätte das städtische Kunstmuseum gekannt, aber keiner wäre mehr ins städtische Kunstmuseum hineingegangen. Die Leute hätten sich gefürchtet ins städtische Kunstmuseum zu gehen, sie hätten sich gesträubt hinein zu gehen, weil das Museum einen müden, einen verschlafenen Eindruck gemacht hätte und es wäre ja kein kleines Museum sondern ein großes Museum gewesen.

Umso größer wäre darum die Müdigkeit des städtischen Kunstmuseums gewesen. Diese Müdigkeit, diese Anhäufung von Müdigkeit hätte einen schon bei Eintritt ins Museum gefangen genommen und hätte einem beim Durchgang durch das Museum nicht mehr losgelassen. "Man ist," sagte der Kleinere, "im Museum sofort müde gewesen. Man hat sich müde durch das Museum geschleppt. Man hatte im Museum Angst vor Müdigkeit den Ausgang nicht mehr finden zu können. Man musste von Glück reden, wenn man das Museum noch verlassen konnte, wenn man den Ausgang des Museums noch erreichen konnte, wenn man von der Müdigkeit des Museums angesteckt, nicht im Museum stecken blieb und nie mehr herausfinden konnte."

Wir schauten jetzt zu dritt auf die verwaiste Brunnenanlage und beobachteten das Laub, das wie eine Truppe von aufgescheuchten Tänzern vom Wind durch das leere Becken getrieben wurde. "Der Wasserstrahl der Fontäne war höher als die umliegenden Gebäude," sagte der Kleinere. "Ein mächtiger Strahl und er wurde in wechselnden Farben angestrahlt. Der Wind blies die Wassertropfen über den Hof, so dass die Besucher nass wurden. Hunderte von Besuchern wurden nass." "Tausende," widersprach ihm der Längere. "Tausende standen auf dem Hof, um das Museum zu besuchen. Sie standen im Hof in langen Schlangen und wurden vom Wasser des Springbrunnens nass. In langen Schlangen harrten sie vor unserem Museum aus und es störte sie nicht, dass sie dabei nass wurden."

"Wahrscheinlich hat die Pumpe wieder versagt," meinte der Kleinere. "Die Pumpe befindet sich im Keller des Museums. Es ist eine riesige alte Maschine, so groß wie eine Dampflokomotive. Auf unseren Gängen durch die unzähligen Kellerräume des Museums sind wir auch auf die Pumpe gestoßen. Dicke Rohre kommen aus ihrem Druckkessel heraus, verlaufen in vielen Windungen durch den Keller, führen dann unter dem Hof hindurch und enden in der Mitte des Beckens, wo sie das Wasser mit enormem Druck in die Höhe schießen lassen." Die Pumpe, sagte er, wäre einer der schönsten Skulpturen gewesen, die sie im Museum im Keller entdeckt hätten. Am Anfang hätten sie sich nur in den Kellern des Museums aufgehalten. Sie wären immer nur in den Kellern herumgelaufen. Die Keller wären das Interessanteste im Museum gewesen, pflichtete ihm der Größere bei. "Im Keller befinden sich die Magazine für Bilder und die Magazine für Skulpturen. In seltsamen Zwischengeschossen gibt es dann auch lange niedrige Keller, im Museum heißen sie auch Kriechkeller. "Wir gehen in den Kriechkeller," hieß es. "Das muss im Kriechkeller sein," sagte man.

In den Kriechkellern konnten wir nicht aufrecht gehen, sondern wir liefen den ganzen Tag in gebückter Haltung durch die Kriechkeller auf der Suche nach Sachen. Man nahm ganz automatisch die gebückte Haltung an, wenn man in den Kriechkellern herumstöberte und wir gingen abends in gebückter Haltung aus dem Museum und legten uns gekrümmt ins Bett. Die Kriechkeller sind vollgestellt mit Regalen und alten Vitrinen. Diese sind angefüllt mit Sachen. Mit Kunstsachen, mit Sachen kunsthandwerklicher Art, mit Sachen ethnografischer Art, mit Sachen aus Gold, mit Sachen aus Silber, mit Sachen aus Holz und Sachen aus Stein und am meisten mit Sachen aus Glas. Ganze Kellerfluchten sind angefüllt mit Sachen aus Glas. Die Sachen aus Glas hören in diesen Kellern nicht auf. Man findet im Museum immer noch einen Keller mit Sachen aus Glas."

Sie hätten sich, sagte der größere, tagelang, wochenlang ja monatelang nur diese Sachen angesehen. Je länger sie sich durch die Regale gewühlt hätten, desto mehr Sachen hätten sie entdeckt. Hätten sie sich die Sachen zuerst nur von außen angesehen, hätten sie im Laufe der Zeit bemerkt, dass man viele der Sachen auch hätte öffnen können. Sie hätten die Schatullen, die Dosen, die Schachteln und alten großen und klitzekleinen Pappkartons nach und nach alle auch aufgemacht und hätten darin weitere Dosen und Schächtelchen gefunden, darin wären weitere kleine Behältnisse, sorgsam in Seidenpapier eingeschlagen zum Vorschein gekommen, worin in noch dünnerem Papier schließlich kleine Glasscherben oder Holzbrösel oder kleine Knochenstücke zu finden gewesen wären. Es wäre Ihnen deutlich geworden, dass hier nichts weggeworfen worden ist, sondern alles aufbewahrt worden ist. Es wären sogar jene Sachen aufbewahrt worden, die einst hergestellt und dafür gedient hatten, die Sachen, die nie weggeworfen worden sind, zu präsentieren: Mit Samt bezogene kleine Sockelchen, seltsam gebogene Drahtgestänge zur Aufstellung einer Münze, Vorrichtungen zur Halterung von Beschriftungen. Auch Sachen, die offensichtlich bei einer Ausstellung durch unsachgemäße Behandlung kaputt gegangen wären und nur noch in einzelnen Bruchstücken hätten gerettet werden können, seien in Papier eingewickelt und sorgfältig beschriftet in den Schränken im Keller aufbewahrt worden.

"In einem vom Alter ganz sperrig gewordenen Papierbündel," sagte der Kleinere, "haben wir einen Lehmbruck gefunden. Stellen Sie sich vor: In Papier eingewickelt, haben wir einen Lehmbruck gefunden. In ein Papier eingeschlagen haben wir jedenfalls die Reste von einem Lehmbruck gefunden. Auf einem, diesen Scherben beigelegten Zettel stand geschrieben: Bruchstücke des Gestürzten von Lehmbruck. Die Rückseite des Zettels mit der Aufschrift Kunsthalle Düsseldorf, ließ vermuten, dass der Gestürzte von Lehmbruck, d.h. eigentlich die Skulptur, die einen Gestürzten darstellt in Düsseldorf gestürzt ist, und dass auf welche Weise auch immer, ein kleiner Teil der Bruchstücke, von welchen eines auch noch den Rest der Signatur des Künstlers trägt, "-ruck" in Papier eingewickelt in Düsseldorf verblieben sind (...)

>> Fortsetzung: Das Künstlermuseum (Auszug 2)



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